Rainer's Trip around the World

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Dies ist dein Tour-Blog. Füge Einträge mit Fotos und Standort hinzu oder einfach nur Text und dokumentiere was du gesehen hast, wo du warst und worüber du nachgedacht hast. Wenn du möchtest, lass andere deinem Tour-Blog folgen und an deinen Erfahrungen teilhaben. Wie das geht? Hier entlang zum Video-Handbuch.

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Station erstellen
Rainer Small

109. - 112. Tag

22. - 25. März

USA

New York / Manhattan

Empire State Building, Rockefeller Center und das MoMA

New York in zweieinhalb Tagen, ein Ding der Unmöglichkeit, dazu bei frostigen Außentemperaturen. Schnee türmt sich noch an den Straßenrändern. Wir beschränken uns auf den Stadtteil Manhattan, der uns das typische New Yor vor Augen führen soll. Also zuerst rauf auf's Rockefeller-Center, wo es in 165 Metern Höhe das weltweit bekannte Panorama aus den frühen Tagen der Wolkenkratzer zu bestaunen gibt mit dem Empire State Building und dem Chrysler Building, dazu kommen die neuen Türme des One World Trade Center, der Trump Tower und der Bank of America-Tower. Der Central Park liegt als großes dunkelgrünes Rechteck in der Ferne unter uns, die Freiheitsstatue kaum sichtbar am Ende des Horizonts. Mit einem Bus lassen wir uns durch Manhattan chauffieren, über die Fifth Avenue und den Broadway. Wir sehen den Madison Square Garden, die Börse an der Wall Street, Covent Garden  und alle Luxus-Mode-Kaufhäuser und natürlich den Times Square. Für drei Nächte wohnen wir  im 11. Stock des Metro Hotels, eine gute Wahl wegen der zentralen Lage.  Das Frühstück besteht aus abgepackten Futtereinheiten, also das, was man  in den USA unter "Continental Breakfast" versteht. Spät am Abend steigen wir die Treppen zur Dachterrasse hinauf und freuen uns über den Blick auf das beleuchtete Empire State Building, welches nur eine Querstraße weiter liegt.

Bryant Park

Wir lassen uns durch die Hauptgeschäftsstraßen treiben. Laufen zum Rockefeller Center mit seiner Eisfläche, auf der als Engel verkleidete junge Damen Neulinge bei ihren ersten Versuchen auf dem Eis Hilfe leisten. Danach halten wir inne am Bryant Park, der von einer nostalgischen Gründerzeit-Architektur gesäumt und dominiert wird von der klassizistischen Marmorfassade der New York Public-Library (1911 erbaut), aber auch vom dritthöchsten Wolkenkratzer New Yorks, dem Bank of America-Tower (366 Meter) und das im Art deco-Stil erbaute Bryant Place Hotel. Die New York Public Library ist eine der größten Bibliotheken der Welt. Der größte Lesesaal misst 90 Meter. Die Bücherregale haben eine Länge von 142 Kilometern. Aber davon sieht man wenig, weil sie hinter Wänden und unter der Erde verborgen sind. Auch unter dem Bryant Park befinden sich Bücheretagen. Als wir hier sind, wird der Park mit Rollrasen frisch begrünt. Dass die Rasenfläche nur die obere Abdeckung eines unterirdischen Magazins ist, wird mir erst später bewußt, als ich über die New York Public Library zu recherchieren beginne. Das nostalgische Kinderkarussell mit seinen Holzpferdchen dreht sich wieder, ein Restaurant in einem Glaspalast, einem Relikt aus der Zeit, als hier ein Teil der New Yorker Weltausstellung von 1853 untergebracht war, bereitet sich auf die neue Saison vor. Die Weltausstellung selbst stand auf dem Gelände der New York Public Library. Wir nehmen auf Gartenstühlen Platz und hätten gerne mehr Zeit gehabt die Atmosphäre des Bryant Parks zu genießen.

Auf dem Weg zum MoMA besuchen wir die St. Patrick´s Cathedral. Setzen uns, halten inne und nehmen an dem Gottesdienst teil. Danach geht es weiter zum Museum of Modern Art, dem MoMA. Für mich als notorischem Kulturgänger ein Pflichttermin bei meinem ersten New York-Besuch. Wir sind von der Fülle der Meisterwerke aus den vergangenen 200 Jahren restlos begeistert. Zweimal mischen wir uns bei beginnender Dunkelheit unter das Volk am Times Square, dem belebtesten und muntersten Platz der Welt mit der teuersten Lichtwerbung. Man weiß nicht, wo man zuerst hinschauen soll, so grell, so bunt. und so verrückt.

Auf dem Weg zum Metrol Hotel schauen wir noch in das berühmteste Kaufhaus der Stadt, bei Macys vorbei. Das Themenmotto lautet zur Zeit "Zirkus". Üppige Zirkus-Dekorationen, unzählige Blumenarrangements, Sonderstände mit so viel Liebe zum Detail hergerichtet, beeindrucken uns.

Am Abreisetag suche ich noch nach einer Gelegenheit, meinem Hobby nachzugehen, und frage bei zwei Hotels in fußläufiger Nahe nach Do not disturb-Schildern, allerdings nicht, ohne vorher im Internet geprüft zu haben, dass es hier besondere Exemplare gibt. Auf den Weg zum Renwick Hotel besuchen wir noch Central Station.

New York City
New York, USA
Rainer Small

95. bis 109. Tag

8. bis 22. März

Antigua

Nelson's Dockyard

Die Karibikinsel Antigua ist mir vertraut. Vor 20 Jahren bin ich einmal in Pressemission hier gewesen und weiß um die Schönheit dieser weit im Osten gelegenen westindischen Insel, die zu den kleinen Antillen gehört. Zu allererst ist Antigua für mich die Summe aus Erinnerungsresten. Der erste heißt: zu viele Autos für grob geschätzte 70.000 Einwohner. Es ist nicht besser geworden seither. Rund 20 Tankstellen zähle ich auf der Insellandkarte, Rush Hour herrscht täglich ab 15:00 Uhr. Die Strände sind vom feinsten, fester, weißer Pudersand für jeden Geschmack und jeden Freizeitbedarf. Die Yachthäfen sind edel und elegant. Antigua, das sei vorweggenommen, ist ein teures Pflaster. 365 Strände soll die Insel haben, so viele wie ein Jahr Tage hat, heißt es in der Werbung. Diese können und wollen wir nicht in 14 Tagen besuchen. Uns reicht Jolly Beach. Hier steht die größte Touristenanlage der Insel mit einer Bausubstanz aus den 1980er Jahren an einem der schönsten und längsten Strände. Jeden Abend ein spektakulärer Sonnenuntergang auf die gesamte Breite des Horizonts. Mit einem Cocktail in der Hand genießen wir das allabendliche Schauspiel. 464 Zimmer für All-Inclusiv-Gäste mit blauem Armband bei dreimal täglich warmer Mahlzeit und Cocktails nach Wahl. Viele hochgewichtige Gäste, die meisten davon Amerikaner, schätzen das üppige Essensangebot. Deutsche gibt es kaum eine Handvoll. Die Zimmer sind bescheiden, der Service ist tadellos. Für uns liegt das Jolly Beach an der Oberkante des finanziell Leistbaren. Schnell gewöhnen wir uns an den Müßiggang. Regen fällt auch, aber kaum länger als fünf Minuten. Der Umgangston ist entspannt. Für mich ist es das harmonische Finale einer langen Reise. Drei Tage in New York werden noch folgen.

Das Kreuzfahrtgeschäft mit seinem großen Passagierausstoß hat die Insel tourismusabhängig gemacht. Die Inselhauptstadt St. John`s ist bestens bestückt mit Schmuckboutiquen, Edelsteingeschäften und Souvenirramsch. Die Anbieter von Inseltouren überschlagen sich mit Kurzangeboten für Kreuzfahrtgäste, die beim Verlassen ihrer Hotelschiffe mit Steeldrum-Musik auf Antigua-Feeling eingestimmt werden. Für einen Samstagmorgen besuchen wir St. John’s und sind ernüchtert über den Kommerztrubel. Wir gehen ins lokale Museum und versäumen es, die Kathedrale zu besuchen. Bezahlt wird mit dem ostkaribischen Dollar oder dem US-Dollar.

Am 100. Tag meiner Reise habe ich ein besonderes Ziel. Wir fahren in den Süden der Insel zu Nelson’s Dockyard im English Harbour. Diese historische Hafenanlage kenne ich von meinem ersten Antigua-Besuch her. Nelson's Dockyard ist ein im 18. Jahrhundert von der britischen Marine unter Admiral Nelson angelegter Kriegs- und Versorgungshafen mit bewegter Vergangenheit zwischen Sklavenhandel und Zuckerrohranbau. Zuckerrohr hat die Insel ab 1674 attraktiv gemacht. Dafür wurden Tausende von Sklaven auf die Insel gebracht. Ihre Zahl stieg von 12.500 (1713) auf 37.500 (ca. 1775). Der hurrikansichere Naturhafen wurde seit 1671 von den Engländern genutzt. Erste Gebäude entstanden 1725, als Kriegshafen wurde er 1743 ausgebaut. Im 18. und 19. Jahrhundert war er der bedeutendste Marinestützpunkt Großbritanniens in diesem Teil der Karibik. Während der Napoleonischen Kriege zwischen 1800 und 1810 war er Nelsons Hauptstützpunkt in der Karibik. Die historische Schiffswerft mit den mächtigen Steinsäulen, die einst zu einem Bootshaus gehörten, mit den Lagerhäusern, Werkstätten und Ausrüstungsläden wurden 1889 geschlossen, Die heute zu besichtigenden Bauten stammen aus der Zeit König Georgs V (1785–1792). Sie wurden sorgsam restauriert und 1961 der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Im Admiral's House ist das Dockyard Museum untergebracht, der ehemalige Copper und Lumber beherbergt heute ein Hotel und Restaurant. In den Offiziers-Quartieren sind Yacht-Büros und Verwaltungsbüros untergekommen. Eine ähnlich aufwändig restaurierte historische Hafenanlage habe ich bisher nur auf Bermuda gesehen. Die britische Kolonialherrschaft begann 1713 und endete nach einigen
Unterbrechungen am 1. November 1981. Aus Antigua wurde der unabhängige
Staat Antigua und Barbuda, der heute eine parlamentarische Monarchie mit
der Queen als Staatsoberhaupt ist. Den besten Überblick über English Harbour gewinnt man von der Anhöhe Shirley Heights, zu der wir mit einem Taxi emporfahren. Die ständigen Passatwinde machen English Harbour zu einem der beliebtesten Anlaufpunkte für Yachten und Segelsportler. Zum 50. Mal findet hier im April / Mai 2017 die „Antigua Sailing Week“ statt, eines der Top-Events für Segel-Crews aus aller Welt.

Bolans
Saint Mary, Antigua und Barbuda
Rainer Small

93. / 94. Tag

6. / 7. März

USA

Miami

South Beach Ocean Drive

Miami in zwei Tagen. Eine Metropole, die mich in ihrer Perfektion und Oberflächlichkeit gleichermaßen befremdet wie anzieht. Miami ist eine junge Stadt mit einer halben Million Einwohnern, die in der Hochsaison zum dichtestbesiedelten Ort der USA anschwillt. Miami (Kreuzfahrthauptstadt der Welt!) hat eine ultramoderne Skyline, ein gutausgebautes Verkehrsnetz und ein vollautomatisiertes Nahverkehrssystem. Ihre Bewohner sind von sonniger Konsumfreude und großer Direktheit in allen Dingen des Alltags. Generell besteht Miami aus dem Stadtzentrum und der vorgelagerten Inselstadt Miami Beach. Um diese soll es im folgenden und im wesentlichen gehen und dabei besonders um South Beach und den Ocean Drive, einem ganz besonderen Boulevard der Eitelkeiten. Dort gibt es das im Stil der 30er Jahre besterhaltene Art Deco-Viertel der Welt und eines, in dem die Schönen und Reichen und alle die, die sich dafür halten, die Flügel spreizen, und ganz normale Menschen es ihnen nachzumachen versuchen. Insgesamt befinden sich hier 1200 schützenswerte Gebäude, von denen ca. 1000 dem Art Deco Stil zuzuordnen sind. In den 1930er Jahren wurden in Miami Beach in Anlehnung an die Art Deco Austellung in Paris viele neue Hotels und Gebäude errichtet. In ganz USA war der architektonische Art Deco Stil in den 1930er Jahren sehr gefragt. Berühmte Vertreter dieses Baustils in New York sind z.B. das Chrysler Building von 1931 oder das Empire State Building von 1932.

Das Versace Haus am Ocean Drive 1116 ist das zweithäufigst fotografierte Gebäude in den USA. Es wird nur übertroffen durch das Weiße Haus in Washington. Hier wurde der Modeschöpfer Gianni Versace 1997 auf der Treppe seines Hauses erschossen. Der Mörder Andrew Phillip Cunanan nahm sich wenige Tage später selbst das Leben. Der Fall erregte viel Aufsehen, da Täter und Opfer homosexuell waren. Aber darum soll es hier nicht gehen. Wir gehen am Gebäude vorbei und notieren das rege Interesse vieler Besucher, die einmal einen Blick hineinwerfen oder zumindest hineinfotografieren möchten. Eine Concierge mit strengem Blick und sicherem Auftreten weist jeden Besucher ab.

Die Stadt verlangt Beifall


Am besten lassen sich die Architekturkulissen und das genusssüchtige Leben darin und davor als Breitwandfilm vom Obergeschoss eines Touristenbusses beobachten. Um Tourismus dreht sich alles in den eleganten Hotels und den ungezählten Bars, Restaurants und Boutiquen. Für Geld kann man sich jede Art von Lifestyle und Luxus einkaufen, aber auch jede Art von Grundbesitz. Das macht eine kleine Hafenrundfahrt deutlich, die vorbeiführt an Fisher Island, dort, wo ufernah und dezent zurückkezogen sich Millionärs- und Prominente in Preisklassen um 80 Millionen Dollar wie Perlen an einer Kette aneinanderreihen. Kein Weltstar der US- und Latino-Musik-, Film- oder Sportszene, der hier nicht eine Liegenschaft besitzt, vor der er sich nie zeigt. Ein paar der Anwesen versuche ich zu fotografieren. Es gelingt eher schlecht als recht. Auch ein Paparazzo-Objektiv hätte mir nicht geholfen. Die Häuser scheinen allesamt unbewohnt. Der Kommentator auf dem Boot preist Namen an wie ein Marktschreier. Die meisten kenne ich, die wenigsten kann ich mir merken. Alles ist mir zu schnell, zu laut, zu übertrieben. Die Namen reichen von Antonio Banderas bis Julio Iglesias, von Julia Roberts bis Jack Nicholsen. Ganz Hollywood scheint sich  hier zu sonnen. Elizabeth Taylor, Frank Sinatra und Michael Jackson sollen hier Häuser besessen haben, Boris Becker lediglich ein Apartment. 
 
Doch kehren wir auf die Straße zurück und zu den Ausführungen des Kommentators. Laut denen scheint South Beach ein einziger Drehort für bekannte Filme und Serien zu sein. Bescheidenheit und Sparsamkeit gehören nicht hierher. Fast scheint es, als wäre die Stadt und ihre Straßen nur von Filmdekorateuren gebaut worden. Die Stadt verlangt nach Beifall.

Rainer Small

91. Tag

4. März

Ecuador/ USA

Quito / Miami

Zu Zweit in die Karibik

Mit American Airlines verlasse ich Südamerika in Richtung Miami. Die Einreise in die USA ist kein Spaziergang. Es ist eine Prozess, für den man Verständnis und Geduld aufbringen muss. Meine biometrischen Daten sind unverdächtig und ich darf passieren und kann mein Gepäck abholen. Der Transfer zum nahe am Flughafen gelegenen Hotel dauert knapp zehn Minuten. Langsam geht meine Reise ihrem Ende entgegen und wird von in einem All inclusive-Urlaub auf der Karibik-Insel Antigua und drei Tagen in Manhattan beschlossen. Heute bin ich genau drei Monate unterwegs. In einem ersten Rückblick kann ich sagen, dass die gesamte Reise ohne nennenswerte Zwischenfälle, gesundheitliche Probleme (Ich bin gut und umfassend krankenversichert.) oder den Verlust von wichtigen Dingen, wie Geld, Kreditkarten oder Dokumenten, verlaufen ist. Auch bin ich nirgends mit den Folgen von Kriminalität oder extremer Religionsausübung in Berührung gekommen. Anfangs hatte ich Befürchtungen in vieler Hinsicht. Doch keines der Risiken, die ich eingepreist hatte, hat sich als realistisch herausgestellt. Ich habe mich immer in einem Mainstream des Reisens bewegt. Das hat mir Sicherheit und Ruhe gegeben. Und ich habe alle Tage mit ihrem jeweils eigenen Programm genossen. Für die nächsten vier Tage bin ich / sind wir im Regency in Miami. Morgen habe ich das Vergnügen, meine Frau, die aus Düsseldorf kommt, am Flughafen abzuholen.  

Miami
Florida, USA
Rainer Small

90. Tag

3. März

Ecuador

Papallacta / Quito

Im Patio Andaluz

Das Termas de Papallacta Spa Resort ist Ecuadors führendes Haus in dieser Kategorie von Gesundheithotels. Ich möchte mich hier für einen Tag wohlfühlen, aber es gelingt mir nicht. Aber vielleicht habe ich versehentlich deutsche Standards von Thermalbad-Hotels erwartet. Die Zimmer sind genügsam eingerichtet. Dass ein Fernseher fehlt, mag therapeutische Gründe haben. Das Frühstück ist bescheiden. Vor den Zimmern, kleinen Cabanas, befinden sich, was den Reiz der Anlage ausmacht, thermalwasserwarme kleine Pools, in denen es munter plätschert, zum Baden zu groß, zum Schwimmen zu klein. Das eigentliche Thermalbad liegt ausserhalb der Hotelanlage, sieht aber nicht wirklich einladend aus. Ich bin darauf nicht eingestellt und einen Bademantel finde ich nicht. Mit den örtlichen Badegewohnheiten kenne ich mich nicht aus. Die Gäste scheinen mehrheitlich von außerhalb zu kommen. Das Wetter ist kühl und regnerisch. Das Internet schwächelt weiterhin stark. Draußen vor meinem Fenster laufen Männer in gelben Gummianzügen umher, reinigen den Thermalpool und befüllen ihn wieder. Doch etwas macht mir Hoffnung. Männer, die aussehen wie Fernmeldetechniker, stöpseln Kabel in einem Schaltkasten. Später dann, zumindest in der Lobby und nachdem ich bereits ausgecheckt habe und zwei Stunden auf meinen Transfer nachQuito warte, klappt das Internet wieder und ich kann meinen Blog zu Ende schreiben.

Die Rückfahrt nach Quito geht zügig vonstatten, ich verbringe die Nacht im Patio Andaluz, einem komfortablen Hotel gleich an der Plaza de la Indepencia. Es ist ein Herrensitz mit Innenhöfen mit altertümlich charmanten Zimmern, eine der besten Adressen der Stadt. Nur leider ist die Zeit hier viel zu kurz, um den Service zu genießen. Das Taxi bestelle ich für 5:00 am nächsten Morgen.

Papallacta
Provincia de Napo, Ecuador
Rainer Small

89. Tag

2. März

Ecuador

Cayambe / Papallacta

Im Auto über den Wolken

Das geplante Foto vom Cayamba-Berg zur frühen Morgenstunde klappt nicht richtig. Zwar habe ich vom Bett aus einen wunderbaren Weitwinkel-Blick auf den Berg, doch dann geht die Sonne hinter ihm allzu hell auf und überstrahlt den abgeflachten Schneegipfel. Mit dem heraufziehenden Tag machen sich auch noch Wolken breit und verschleiern die Sicht.

Eine besonders schöne Region der nördlichen Anden lerne ich heute auf einer weiteren Tour kennen, den Lake Mojanda in 4000 Metern Höhe. Zwei Erdrutsche haben die Fahrt mit dem Geländewagen erschwert. Wir fahren oberhalb der Wolken und oberhalb der Baumgrenze, bis wir an einem Aussichts- und Wanderpunkt ankommen, der uns das Panorama auf die Lagune Mojanda, die aus drei einzelnen Seen besteht, eröffnet. Prägende und nur in den Anden vorkommende Busch- und Baumart ist der bizarr aussehende Polylepis. Er besitzt eine rötliche, stark abblätternde Rinde und einen gewundenen Stamm. Ansonsten erkenne ich die vertraute Artenvielfalt aus immer wieder andersartigen filigranen Büschen und zarten Blütenzweigen. Lange kann man hier wandern und nach jeder Kurve neue Perspektiven gewinnen. Doch das alles ist zu viel des Guten für mich an diesem Tag, auch sind die Wege aufgeweicht und rutschig. Wir fahren hinab auf Höhe des Mojanda-Sees, der voll ist mit Forellen. Fischer haben hier eigene Teiche für die Zucht angelegt. Ein kleines Camp gibt es hier mit Holzhütten für Übernachtungsgäste. Es ist einsam hier und sehr friedlich, die Natur ist sich selbst überlassen, nur Kaninchen kreuzen unsere Wege.

Etwa zwei Stunden dauert die Fahrt zum Tagesziel, zu einem Thermalhotel in Papallacta, wo ich für eine Nacht unterkomme und mich langsam auf das Ende meines Solistendasein vorbereiten kann. Leider bekomme ich diesem Hotel das Internet für meinen Laptop nicht in Gang. Auch an der Rezeption kann mir keiner weiterhelfen. Bei meinem Tablet (das ich als Reservegerät mitführe und erst aufladen muss) klappt das Internet. Ich bin etwas zerknirscht.

Papallacta
Provincia de Napo, Ecuador
Rainer Small

88. Tag

1. März

Ecuador

Cayambe

Rosen für die Welt

Heute geht es per Auto zu zwei Städten in den nördlichen Anden. Bevor ich die Erlebnisse dieser Tour schildere, möchte ich noch zwei ecuadorianische Besonderheiten nennen: In Quito gibt es weder Klimaanlagen noch Heizungen. Das liegt an dem Klima der Stadt, das, im Jahresverlauf nahezu gleichbleibend, weder das Aufheizen noch das Herunterkühlen von Wohnräumen notwendig macht. Benzin ist ist außerordentlich preisgünstig hier. Für eine Gallone (3,8 Liter) in der untersten Preisklasse zahlt man 1,48 USD, für eine Gallone Diesel 1,00 USD.

Zuerst geht es in die Region von Cayambe am Fuße des gleichnamigen Vulkans, dem mit 5790 Metern dritthöchsten Berg des Landes. Erstbesteiger war übrigens der Engländer Edward Whymper, der auch das Matterhorn in der Schweiz als Erster bezwungen hat. Ich erinnere mich, sein Grab auf dem Friedhof von Zermatt gesehen zu haben. Bekanntheit hat die Stadt errungen, weil sie zu einem weltweiten bekannten Anbaugebiet hochwertiger Rosen geworden ist, von denen die meisten in die Niederlande exportiert werden. Die Blumenindustrie braucht Kühlhallen, Glashäuser und Verladestellen. Das alles trägt zu einem gewissen Wohlstand in der Bevölkerung bei, doch der industrielle Blumenanbau verändert auch die Landschaft, weil er sie zersiedelt und zerrupft. Cayambe ist darüber hinaus bekannt für ein Buttergebäck, die Bizcoches. Eine familiäre Kleinfabrik dieser Spezialität kann ich besuchen und darf probieren. Mein Geschmacksurteil: fein, buttrig, bröselig und ohne süßende Soße langweilig im Abgang. Eine weitere kulinarische Spezialität ist der "queso de hoja". Der Name (Blätterkäse) rührt daher, dass ein Käsefladen als Stab aufgerollt und, eingeschlagen in Bananenblättern, verkauft wird. Mittagspause machen wir in dem Ort Cotocachi, der für sein Angebot an Lederwaren bekannt ist. Fast alle Geschäfte sind geschlossen, Karneval auch hier. In einem der wenigen geöffneten Restaurants bestelle ich mir zum Menü mit Forelle ein Glas ekuadorischen Weißweins, der selten zu bekommen ist. Er ist trübe und sehr frisch und erinnert an Federweißen. Auch als fertiger Wein scheint er nicht marktfähig. Was aber auch daran liegt, dass allgemein unter Einheimischen wenig Alkohol getrunken wird. Kneipen und Bars habe ich nirgends gesehen, außer in Touristenzentren.

„Paramo“ nennt man in Ecuador die Landschaftsform zwischen 3600 und 4800 Metern Höhe, wo Buschwerk die Stelle der verschwindenden Bäume einnimmt. Diese Grenzform der Vegetation präsentiert viele endemische Pflanzenarten, die nur in dieser Höhe gedeihen. Mein heutiges Ziel ist der Kratersee Cuicocha in dem Nationalpark Cotacachi Cayapas, 140 Kilometer von Quito entfernt. Der Weg um den See, der zwei Inseln hat, führt durch verschiedene Formen von Anden- und subtropischer Vegetation. Er ist 14 Kilometer lang. Aber das ist dann des Guten zuviel an diesem Tag. Schließlich möchte ich noch im Hellen an mein Tagesziel gelangen, die Hosteria Papagayo Norte oberhalb der Stadt Cayamba. Es ist ein kleiner Landsitz mit fünf Zimmern, gemütlicher Einrichtung mit offenem Kamin und empfehlenswertem Restaurant. Vor der Hosteria weiden neben Kühen, Schafen und Pferden auch sehr freundliche, aber leider menschenscheue Lamas. Mein Zimmer hat ein großes Panoramafenster mit Blick auf den schneebedeckten Cayamba-Vulkan. Ich nehme mir vor, ihn morgen bei Sonnenaufgang zu fotografieren.

Cayambe
Provinz Pichincha, Ecuador
Rainer Small

88. Tag

1. März

Ecuador

Otavalo

Marktplatz der Andenkunst

Otavalo zählt zu den bekanntesten Städten in den Anden. Ihre Bekanntheit verdankt die Stadt ihrem Handwerksmarkt im Zentrum, der als der größte in Südamerika gilt. Otavalo (110 Kilometer nördlich von  Quito) liegt an der Panamericana-Straße, die von Alaska bis Feuerland reicht. Die Stadt mit rund 50.000 Einwohnern ist umgeben von drei Vulkanen. Die Otavalos sind ein stolzes Volk mit starker kultureller Identität, sie haben sich schon den Inkas und später den spanischen Eroberern widersetzt. Auch ihre Tracht kennzeichnet ihre Eigenständigkeit: dunkler Rock, weiße bunt bestickte Bluse mit farbigem gewebtem Gürtelband für die Frauen, weiße Hose und dunkler Poncho, lange Haare unter Hüten bei den Männern. Hauptmarkttag ist der Samstag mit unübersehbarem Angebot an lokalen Produkten, aber auch an asiatischen Importen. Am heutigen Mittwoch, dem Ausklang des Karnevalsfestes, erlebe ich nur eine sehr abgespeckte Fassung dieses Marktes. Aber die ist schon verwirrend und bunt genug.

Otavalo
Provinz Imbabura, Ecuador
Rainer Small

87. Tag

28. Februar

Ecuador

Quito

Stadtmuseum in altem Hospital

Heute werde ich mir die Altstadt noch einmal genauer anschauen. Beim Verlassen des Hotels lasse ich mir eine Visitenkarte mit genauer Adresse geben, damit ich jedem Taxifahrer klar machen kann, wohin ich fahren möchte, wenn es wieder zurück zum Hotel gehen soll. Ich schicke voraus: Heute ist ein Tag ohne besondere Vorkommnisse, ein Tag für Museen und Kirchen. Als erstes besuche die San-Francisco-Klosterkirche aus dem 16. Jahrhundert. Damit ist diese Kirche etwa so alt wie Quito selbst. Sie verfügt über eine beeindruckende Barock-Architektur. Auf dem historischen Gelände befinden sich mehrere Kapellen, ein Kloster, unterirdische Gänge und insgesamt 3.500 Kunstwerke aus Kirchenbesitz, die unter dem Begriff  "Quito-Schule" zusammengefaßt werden. Doch aus einem Besuch in dieser außergewöhnlichen Kirche, auf den ich mich freue, wird nichts. Heute scheint ein besonderer Tag zu sein. Gottesdienste werden abgehalten, Lieder gesungen. Die Bevölkerung trägt Opfergaben zum Altar. Ich bin stummer Zeuge von katholischen Ritualen, die ich nicht kenne. Der Einlass zu der gesamten Klosteranlage über einen eigenen Eingang bleibt mir verwehrt. Morgen ist es offen, wird mir gesagt, aber dann bin ich leider wieder unterwegs zu anderen Zielen. Auch andere Kirchen, in die hineinschaue, sind gut gefüllt. Ich bleibe draußen vor an diesem Dienstag. Was einen einfachen Grund hat: Karneval ist ein katholischer Feiertag, und heute ist Karnevalsdienstag
Ich besuche zwei kulturelle Einrichtungen. Zuerst das Stadtmuseum im ältesten bürgerlichen Gebäude der Stadt, das über 400 Jahre lang das Hospital "San Juan de Dios" beherbergt hat, und in dem jetzt das Stadtmuseum untergebracht ist. Ausgestellt sind neben kolonialen und archäologischen Schmuckstücken und Kunstwerken auch Nachbildungen von Legenden, traditionellen Festen und häuslichen Szenen. In den grosszügigen Räumen kann man sich auf eine Reise durch die ekuadorianische Geschichte begeben. Allerdings bleiben mir als nicht Spanisch-Sprachigem viele Inhalte und Kommentare zur Geschichte verborgen. Ich fühle mich etwas ausgegrenzt.
 
Im "Centro Cultural Metropolitano", unmittelbar an der Plaza de la Independencia gelegen, sind Kunstausstellungen und eine Bücherei untergebracht. Ich sehe eine umfassend angelegte Fotoausstellung, die sich sozialen Problemen und Minderheitenthemen aus Lateinamerika widmet. Der Blick in die Randbereiche der Gesellschaft läßt mich nachdenklich zurück.

Die "Republica del Cacao" ist eine landesweite Geschäftsidee mit Verkaufslokal und Ausschank-Café in der Altstadt. Ecuadors Kakao galt einmal als der beste der Welt. Und die heiße Schokolade, die ich hier trinke, ist unübertrefflich, dazu passt ein mächtiges Stück Schokoladen-Torte. Alle denkbaren Produkte von Schokolade und Arten von Kakao-Pulver, aber auch Kaffees werden hier in sehr verlockender Atmosphäre angeboten. Gerne hätte ich etwas mitgenommen, aber mein Gepäck erlaubt keine Extras mehr.

Morgen verlasse ich die Stadt für zwei Tage und kehre am Freitag noch einmal nach Quito zurück, bevor ich am Samstag, 4. Dezember, nach Miami fliege zum  Finale meiner Reise.

Rainer Small

86. Tag

27. Februar

Ecuador

Quito

Gastronomie im Palast des Erzbischofs

Nach Santiago de Chile ist Quito die zweite südamerikanische Metropole auf meiner Reise. Mit einer Höhe von 2850 Metern ist es die höchstgelegene Haupt- und auch Millionenstadt der Welt, und hier ist es ca. 18 Grad kälter als an den letzten Orten. Ich will die Stadt und besonders die berühmte Altstadt kennenlernen, doch die Höhe und der Temperaturunterschied bringen mich etwas aus dem Takt. Ich ziehe die bequeme Lösung vor und beschließe, die Stadt mit einem Hop-on Hop-off-Bus zu erkunden. Auf den Gedanken mit der Busrundfahrt (Tageskarte: 15 USD) hat mich bereits am Vorabend eine Broschüre an der Hotelrezeption gebracht. So kann ich mich vorab orientieren, mir Stopps und Stationen anschauen, erste Namen merken und die zwei ersten Sehenswürdigkeiten notieren: die Basilica del Voto Nacional und die Plaza Grande, beides in der Altstadt (die bereits seit 1978 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt). Von meinem Hotel, das eher am  Rande der Innenstadt liegt, lasse ich mich zum Busbahnhof am Rande des großen Freizeitparks, La Carolina, bringen.
Das katholische Gotteshaus ist die bedeutendste und größte neo-gotische Kirche Südamerikas. Dabei ist sie noch recht jungen Datums und wurde zwischen 1892 und 1909 erbaut, in Betrieb genommen erst 1988. Was sie für Quito so einzig macht, ist nicht ihre innere Ausstattung, sondern die Höhe ihrer beiden Türme, 115 Meter, auf die man über enge Metalltreppen hinaufsteigen kann. Den Ersten besteige ich, beim Zweiten mag ich nicht mehr. Die Kletterei ist etwas mühsam, besonders bei Gegenverkehr. Dafür ist die Aussicht über die Stadt bis hin zu den Vulkanen einfach atemraubend.
Von der Basilika gehe ich, mit dem Stadtplan in der Hand, durch die Altstadt in Richtung Plaza Grande und stelle fest, dass die Einheimischen, bzw. die indigene Bevölkerung das öffentliche Leben dominieren. Die Straßenzüge sind schachbrettartig angelegt. Das Leben ist äußerst geschäftig. Manchmal weht ein unangenehmer kalter Wind durch die Straßen. Ich muss öfter durchschnaufen, als mir lieb ist. Die Plaza Grande (besser: Plaza de la Independencia) ist seit dem 16. Jahrhundert der zentrale Versammlungsort und das Herz der Altstadt, umgeben von stattlichen Kolonial- und Repräsentationsbauten wie dem Präsidentenpalast (Palacio de Carondelet), dem Stadthaus (Palacio Municipal) und dem Sitz des Erzbischofs (Palacio Arzobispal). In der Platzmitte steht ein modernes Monument zu Ehren der Real Audiencia de Quito, die 1809 als erstes die Unabhängigkeit von den Spaniern verlangte. In meinen Augen bietet sich auf dem Platz ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung Quitos. Es wimmelt von ambulanten Verkaufsständen für Souvenirs und Snacks, von Straßenkünstlern, Theatergruppen, Sängern und Jongleuren. Alle haben ihr Publikum, Beifall inbegriffen. Früher sollen hier sogar Stierkämpfe stattgefunden haben. Etwas besonderes ist der Palacio Arzobispal, seit 1700 Sitz des Erzbischofs, der von allen religiösen Pflichten befreit und unter Beibehalt der Architektur gründlich umgewidmet worden ist. Er ist ein gastronomisches Einkaufszentrum geworden, für die gehobene lokale Küche, aber auch für das schnelle Essen. Boutiquen bieten eigenständiges Kunsthandwerk an, und das alles geschmackvoll auf drei Etagen.

Unfall mit Blechschaden

Am Nachmittag kommt starker Regen auf, das öffentliche Leben verzieht sich unter die Dächer der Paläste. Ich nehme den letzten Bus zurück zum Ausgangspunkt und beschließe, von dort ein Taxi zum Hotel zu nehmen, was sich aber als ungeahnt schwierig erweist. Die beiden ersten Taxifahrer, die ich vor der Einkaufsmall "Quicentro" frage, kennen mein Hotel, "Best Western Zen Suites", gar nicht oder stellen sich unwissend. Also nehme ich einen Zettel und schreibe den Namen des Hotels sowie die Adresse, "Av. 6 de Diciembre / Orellano" darauf. Genauere Daten habe ich nicht zur Hand. Dem nächsten Taxifahrer drücke ich den Zettel in die Hand. Nach einem ersten Schulterzucken erklärt er sich zur Fahrt bereit, ich nehme auf dem Rücksitz Platz. Ich beschreibe dies etwas gründlicher, weil es danach zu einem Unfall kommt, an dem ich als Taxigast indirekt beteiligt bin. Anscheinend kennt der Fahrer die Adresse doch nicht so genau. Während der Fahrt schaut er mehrfach auf den Zettel und biegt dann etwas unentschlossen bei starkem Verkehr von seiner Geradeausspur in eine Linksabbiegerspur ab, und wird von einem anderen Fahrzeug gestreift, das ihn auf dieser Spur überholen will. Es knirrscht kräftig, ein bildschöner Blechschaden. Beide Fahrer fahren an den Rand der Straße. An dem Taxi ist der Kotflügel an der Fahrerseite kräftig eingedrückt, Weiterfahrt eigentlich unmöglich, Blechschaden auch am anderen Fahrzeug. Die Fahrer machen sich bekannt, aber die Emotionen kochen schnell hoch. Für mich ist die Schuldfrage eindeutig. Ich beschließe, mich aus dem Staub zu machen, nehme noch den Adresszettel vom Beifahrersitz wieder an mich und schreite davon. Der Fahrer sieht, wie ich gehe, aber reagiert nicht. Drei Blocks weiter nehme ich mir das nächste Taxi, das mich dann ans Ziel bringt.


Quito
Provinz Pichincha, Ecuador
Rainer Small

85. Tag

26. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

Santa Cruz / Puerto Ayora

Quito

100 Prozent Pick-ups

Auf der Charles Darwin Research Station habe ich keine einzige lebende Schildkröte gesehen. Das soll heute bei meinem letzten Tag auf den Galapagos-Inseln,  dem Tag meines Fluges in die Landeshauptstadt Quito, anders werden. Riesenlandschildkröten in großer Zahl und ohne wissenschaftlichen Überbau, die frei herumlaufen und grasen, gibt es nur in den höheren Lagen der Insel Santa Cruz in dem Reservat El Chato, auf dem auch eine Ranch betrieben wird. Hier gibt es alles, was die Tiere lieben: Guavenbäume, die Bäume mit den giftigen kleinen Äpfeln und matschig grüne Tümpel. Ein wahres Schildkrötenparadies.

Der Fahrer, der mich später zum Airport bringt, fährt mich dort hin und zeigt mir auch einen Tunnel, durch den einmal flüssiges Magma geflossen ist und dessen Außenschicht aus geschmolzener Lava besteht. Es gibt mehrere solcher Tunnel auf Santa Cruz. Besucher können durch die bis 1000 langen unterirdischen Känale gehen und müssen gelegentlich auf allen Vieren krabbeln. Das Vergnügen will ich mir ersparen, zumal die Beleuchtung spärlich ist. Auch kann ich nicht sagen, ob ich 100prozentig frei bin von Platzangst. Also bleiben lassen und zurückgehen. Jetzt noch eine ganz andere Beobachtung. In den fast elf Tagen, die auf den Galapagos Inseln unterwegs bin, habe ich viele Autos gesehen, doch keine Limousinen, sondern zu 100 Prozent Pick-ups, also Personen- oder Geländewagen mit Ladeflächen und alle japanischer Herkunft. Andere Fahrzeuge machen hier wohl wenig Sinn.

Zum vierten und letzten Mal bin ich heute mit LATAM Air geflogen. Die angebotene Bordverpflegung besteht aus drei ausgestreuten Plastiktüten und einem Getränk. Der Fluggastbetreuerin steht die Unlust ins Gesicht geschrieben, nicht die Spur eines Lächelns. Dafür lächelt der Flugkapitän am Ausgang charmant.

Rainer Small

84. Tag

25. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

San Cristobal / Puerto Baquerizo Moreno

Santa Cruz / Puerto Ayora

Audienz bei „Lonesome George“

Zurück in meinem Basis-Hotel auf Santa Cruz, bereite ich mich auf meinen Abschied von den Galapagos-Inseln vor. Morgen geht es noch einmal mit einem Fahrer ins Hochland der Insel, bevor ich meinen Flug in die Landeshauptstadt Quito antrete. Dort liegen die Tagestemperaturen um 15 Grad niedriger.

Einen Pflichtbesuch bin ich den Inseln noch schuldig, einen Besuch in der "Charles Darwin Research Station", den ich schon am ersten Tag machen wollte. Aber damals hätte ich nicht das gesehen, was ich heute gesehen habe: „Lonesome George“. Diese männliche Galapagos-Riesenschildkröte der Unterart Pinta-Schildkröte, benannt nach seiner Herkunftsinsel, wo er 1971 entdeckt wurde, war über 40 Jahre in der Forschungsstation untergebracht, wo er am 24. Juni 2012 als vermutlich letztes Individuum seiner Art mit geschätzt 100 Jahren gestorben ist. Paarungsversuche mit Weibchen einer verwandten Unterart sind stets gescheitert. So starb George einsam und unverheiratet, was ihn zu einer Symbol-Figur der Galapagos-Inseln machte. Nordamerikanische Wissenschaftler haben sich dann seiner angenommen, um seinen Gen-Code zu entschlüsseln. Sie holten ihn in die USA, wo er aufwendig präpariert und später im Naturkundemuseum in New York ausgestellt wurde.
Warum ich dies alles schreibe. Nun, „Lonesome George“ ist seit zwei Tagen (seit dem 23. Februar) wieder zurück in seiner letzten Heimat. In einer großen Kiste an Bord einer Maschine der ecuadorianischen Luftwaffe ist er heimgekehrt und sieht sehr lebendig aus. Davon konnte ich mich bei einem Besuch heute überzeugen. Eine Audienz bei „Lonesome George“ dauert exakt sechs Minuten und ist nur in begrenzten Gruppen möglich. Die erste Minute davon steht man in einem Vorraum, wo die Luft auf 15 Grad Celsius heruntergekühlt wird. Dann öffnet sich von innen eine Türe zu einem schmucklosen Raum. Dort wo man ein Fenster vermutet, gibt es einen Vorhang. Dahinter dann in einem Käfig aus Glas steht er, aufrecht und hoch erhobenen Hauptes auf poliertem Boden: „Lonesome George“, bereit sich fotografieren zu lassen, genau fünf Minuten lang. Kommentare zu seiner Rückkehr werden leider nur auf Spanisch gegeben. Englisch, sagt ein Mitarbeiter der wissenschaftlichen Station, spreche er nicht. Damit bleiben seine erklärenden Worte den englischsprachigen Besuchern und mir verborgen.

Abrundend will ich kurz erwähnen, dass die "Charles Darwin Foundation for the Galapagos Islands" eine internationale Organisation zum Schutze der Galapagos-Inseln ist. Die Charles Darwin Research Station ist ihr wissenschaftliches Zentrum in Puerto Ayora auf Santa Cruz. Hier arbeiten Wissenschaftler, Freiwillige und Studenten. Aspekte des Naturschutzes und der wissenschaftlichen Arbeit werden in einer museumsähnlichen Einrichtung gezeigt. Auf dem Rückweg schaue ich hinein in den Friedhof  des Ortes, weißgetünchte Gräber, üppig bunte Kunstblumen und viele Bildnisse der Vorstorbenen und von Jesus. Auch lockt mich eine verborgene Keramikgalerie in einem Naturgarten mit kunstvoll filigranen Mosaiken an.

Rainer Small

83. Tag

24. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

San Cristobal / Puerto Baquerizo Moreno

Tiefes Wasser


Der Kicker Rock hat die Gestalt eines schlafenden Löwen und ist eine Felsformation im Meer und ein Nistplatz für Fregattvögel und zwei Tölpelarten. Er ist eine dreiviertel Bootsstunde von San Cristobal entfernt. Für Taucher in erster Linie, aber auch für Schnorchler ist dies die Hauptattraktion der Insel. Meine Gruppe besteht aus zwölf Personen, davon vier Taucher, der Rest Schnorchler, zum Teil mit eigener Ausstattung und Trikots. Da kann ich mit meinem Polohemd und meiner Badehose plus geliehener Ausrüstung kaum dagegenhalten. Zumal das Wasser hier kälter ist als in Strandnähe. Die Naturbeobachtung verlegt sich vom Land ins Wasser. Nach dreimaligem Schnorcheln auf Galapagos und zumeist mit Bodenhaftung fühle ich mich sicher und austrainiert. Doch hier am Kicker Rock ist nur tiefes Meer unter mir und kein Land in Sicht. Für Taucher ein Idealzustand, für mich als Warmduscher eine grundlegend neue, fast schon existentielle Erfahrung. Sich nahe am Felsen halten, das ist die Orientierungslinie für die einstündige Schnorchelpartie. Wir starten als Gruppe, doch die Kollegen mit ihren schneidigen Taucherhosen und Hemden sind mir bald enteilt, ich schwimme als Einzelkämpfer hinterher. Die Aussicht unter mir ist trübe wie gewohnt, lediglich den Schatten eines Galapagos-Haies glaube ich zu erkennen. Die Taucher sind im gleichen Gefilde, nur einige Etagen tiefer, etwa 18 bis 20 Meter, unterwegs. Das Geblubber ihrer Luftblasen, das zu mir aufsteigt, zeigt mir ihren Aufenthalt. Meinen Blicken sind sie weit entrückt. Manchmal dringt etwas Wasser in meine Maske ein, dann löst sich eine Schwimmflosse, ich muss nachbessern, unter mir nur das endlose Wasser unter einer ruhigen Oberfläche. Ich beginne mich unwohl zu fühlen, ohne ängstlich zu werden. Doch die vorausgeeilte Gruppe fängt mich wieder ein. Nicht zu vergessen, ich bin deutlich der älteste Teilnehmer und habe wohl die geringste Erfahrung von allen.
Die optische Ausbeute, das, also das, was ich an Fischen sehe, ist gering, nur viele Pflanzenreste treiben umher und die Schwebstoffe, die von den Schiffen aufgewirbelt werden. Taucher nehmen eine ganz andere Dimension wahr, sie sehen Krater, Tunnel, Schluchten und die Verstecke der Fische. Alle führen sie Unterwasserkameras mit. Später dürfen sie noch einmal ins Wasser. Als ich endlich wieder ans Deck des Schiffes krabbele und Schwimmflossen und Maske ablege, bin ich sehr erleichtert. Ich habe eine Mutprobe bestanden und bin erschöpft. Zur ersten Stärkung gibt es eine Banane und kleine Kuchen, später dann ein Mittagessen mit Fisch, Reis und Gemüse. Erstaunlich, was sich in der Kombüse eines so kleinen Schiffes alles zaubern lässt.
Zum Abschluss legen wir noch an einem Schwimm- und Schnorchelstrand am anderen Ende von San Cristobal. Ich gehe nicht mehr ins Wasser und unterhalte mich stattdessen mit unserem Naturalista über seine Aufgaben für den Naturschutz und über den internationalen Fussball. Allerdings hat das Stehen am Strand einen entscheidenden Nachteil: Man wird Opfer der aggressiven und beißfreudigen Horseflies (Pferdefliegen oder Bremsen), die gerade Saison haben, Da hilft nur textiler Schutz. Morgen geht es zurück nach Santa Cruz, wo das Galagos-Abenteuer begonnen hat und am Sonntag auch zu zu Ende geht.

Rainer Small

82. Tag

23. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

Santa Cruz / Puerto Ayora

San Cristobal / Puerto Baquerizo Moreno

Einzige Verkehrsampel in 1000 Kilometern

Auf dem Weg auf die 80 Kilometer entfernte Insel San Cristobal, wo ich zwei Nächte bleibe, kam das Boot mit Namen L/P Andy (Hurra, ich bin auf der Passagierliste!) nur schwer in Gang. Ich persönlich ziehe mich in den hinteren Teil des überdachten Innenbereich zurück, zum einen, um der Sonne keine Gelegenheit zu geben, mich verwöhnen zu dürfen, aber auch, um Distanz zu gewinnen zum Gestank und der Lautstärke der Motoren. An Bord etwa 30 Passagiere. Noch im Hafen versagt der Motor. Der Werkzeugkasten wird hervorgeholt und es wird geschraubt. Das wird nichts mehr, denke ich und höre bereits das Wort "Schiffswechsel". Doch nach einer Stunde laufen die Motoren wieder. Für mich ein Rätsel, und die L/P Andy läuft mit voller Kraft San Cristobal an, die östlichste Insel des Archipels, und Puerto Baquerizo Moreno. die Provinzhauptstadt mit knapp 5.000 Einwohnern. Es ist eine Stadt, die sich dem Tourismus öffnen möchte, doch die passende Struktur dazu noch nicht entwickelt hat: zu viele Souvenirläden und Tour.- und Tourveranstalter, zu wenig gute Gastronomie an der Uferpromenade. Das neue Golden Bay Hotel als führendes Haus am Platz hat 21 Zimmer ab 250 Euro, Meerblick kostet mehr, etwa 300 Euro pro Nacht.


Und Puerto Baquerizo Moreno sieht sich einem besonderen Zielkonflikt ausgesetzt. Der heißt Seelöwen und diese können bis 250 Kiligramm schwer sein. Es sind dies nicht die kinderfreundlichen lustigen Tiere, die in der Zirkusmanege und im Zoo Bälle auf der Nase tanzen lassen, es sind ausgesprochen dicke Brummer, die an der Strandpromenade ihr natürliches Habitat gefunden haben. Sie liegen auf öffentlichen Bänken und Wegen, versperren Treppen, tummeln sich auf Kinderspielplätzen und steigen auch in abgestellte oder schwimmende Boote. Sie grunzen und blöken deftig und können auch beißen. Sie sind kolonienbildende Tiere von großer Standorttreue und damit Menschen nicht unähnlich. Eigentlich stören Seelöwen nur. Aber das darf ich nicht schreiben.

Mein Hotel mit zehn Zimmern, die Hosteria Pimampiro, liegt etwas höher am Ortsrand. Die Zimmer sind Cabañas, das heißt Familienzimmer. Das Hotel verleiht Fahrräder, um schneller in den Ort zu kommen. Davon mache ich Gebrauch und rolle Richtung Meer, allerdings gegen die Einbahnstraßenrichtung. Das merke ich schnell und nehme einen anderen Weg. Um dann später wieder ins Hotel zu kommen, ist der Anstieg dann sehr mühsam. Kurzum: Die Aktion Fahrradleihe werte ich als nette Geste, aber unproduktiv für mich. Doch in der Ortsmitte erschrecke ich nahezu. Was sehe ich: eine funktionsunfähige Verkehrsampel. Es ist dies die einzige Ampel im Umkreis von 1000 Kilometern (laut Wikipedia), was der Entfernung zum Festland von Ecuador entspricht. Wenn das kein Beweis für die isolierte Lage der Galapagos-Inseln ist.

Für den morgigen Tag gibt es eine Programmänderung. Es geht zum Kicker Rock, der Hauptattraktion von San Cristobal, Das ist eine Insel mitten im Meer, die als ausgezeichnete Tauchregion gilt. Damit kommt der vierte Schnorchelgang auf mich zu.

Puerto Baquerizo Moreno
Provinz Galápagos, Ecuador
Rainer Small

81. Tag

22. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

Santa Cruz / Puerto Ayora

San Bartolomé

Wie auf dem Mars

Heute ist der 81. Tag meiner Reise. An diesem Tag war der literarische Held von Jules Vernes Weltumrundung bereits seit einem Tag wieder zurück. Ich kann mich glücklich schätzen, noch weitere schöne Tage vor mir zu haben. Doch der heutige Tag fing wenig schön an, Abholung zur Tagestour auf die Insel San Bartolomé um 5:50. Ich hatte meinen Wecker falsch gestellt und die Tour fast verschlafen. Doch ich habe noch alles auf die Reihe gebracht. Sollte ich am Ende meiner Reise etwa Schwäche zeigen? Auf keinen Fall!

Hätte ich diese Inselfahrt tatsächlich verschlafen, ich hätte es sehr bereut. Per Wassertaxi geht es nach 40 Kilometer Busfahrt auf die „Galapagos Shark II“, wo  das Frühstück auf meine Gruppe und mich wartet. San Bartolomé ist unbewohnt von Tieren und Menschen, nur 1,2 Quadratkilometer groß und geologisch recht jung. Damit ist sie komplett anders als das von Vögeln dicht bevölkerte  North Seymour, das ich am Vortag besucht habe. Mir wird langsam klar, dass als Folge der Evolution jede Insel in sich komplett anders ist. Das, glaube ich, ist eines der Geheimnisse  der Galapagos-Inseln.

Die Insel sieht aus, wie man sich eine Mars-Landschaft vorstellt. Es ist als ob nicht nur die Sonne von oben, sondern auch die erkaltete Lava von unten Hitze ausstrahlt. Das  erklärt die frühe Abfahrt. Die höchste Erhebung in 114 Metern ist ein erloschener Vulkan, der über 370 Stufen auf Holzwegen und Stegen erreichbar ist. Überall auf dem Anstieg ergeben sich unglaubliche Ausblicke. Hier kann man das genießen, wofür San Bartolomé bekannt ist: das schönste Panorama aller Galapagos-Inseln. Besondere Attraktion ist der Blick auf Pinnacle Rock (deutsch: Felsnadel) und eine zweigeteilte Bucht. Die Lavalandschaft aus roten, orangen, grün und schwarz glitzernden Steinen wirkt surreal. Hier erhält man einen Einblick in die geologische Evolution der Insel. Bis hier eine normale Vegetation entsteht, werden noch viele Millionen Jahre vergehen. Allenfalls besonders angepasste Kakteen wachsen hier. Auf dem höchsten Punkt von San Bartolomé steht ein kleiner Leuchtturm, der Signale aussendet für ankommende Kreuzfahrtschiffe. Der Blick von hier geht auch auf die Insel Santiago, wo wir den Tag mit einem schönen Schnorchelgang beschließen und auf die wartende „Galapagos Shark II“ in 200 Metern zurückschwimmen, wo der Mittagstisch gedeckt ist. Ein unendliches Vergnügen. Von Deck aus sehe ich endlich meinen ersten Galapagos-Hai.

Rainer Small

80. Tag

21. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

Santa Cruz / Puerto Ayora

Unter Russen und Fregattvögeln

Wiederholt lese ich, dass North Seymour im Schatten von Baltra Island, wo der zentrale Flughafen liegt, die schönste Insel des Galapagos-Archipels sei. Wobei „Insel“ stark übertrieben ist, denn North Seymour ist ein unbewohntes Inselchen mit einer Fläche von knapp zwei Quadratkilometern. Dort befindet sich die höchste Vielfalt an endemischen Tierarten überhaupt. Die Insel wurde von einer Reihe submariner Lavaströme geformt, deren Sedimentschichten, welche sich durch tektonische Aktivität erhoben haben, noch sichtbar sind. Die Insel ist durch ihre besonders trockene Vegetationszone charakterisiert.

Um dorthin zu gelangen, muss man die Insel Santa Cruz per Bus 40 Kilometer durchqueren bis zum Kanal von Ithabaca, der Santa Cruz von Baltra trennt, wo viele Boote warten. Schwimmwesten müssen angelegt und nach kaum 100 Metern wieder abgelegt werden. Danach geht es gruppenweise an Bord eines Schiffes, das North Seymour anläuft. Über eine Treppe aus Lavagestein und vorbei an Seelöwen, die in der Sonne liegen, betritt man die Insel, um sie auf einem genau gekennzeichneten zwei Kilometer langen Weg zu umrunden. Galapagos-Seelöwen, Blaufußtölpel und prächtige Fregattvögel finden hier in ungewöhnlicher Dichte einen Lebensraum, der ihnen von der Evolution vorgegeben ist. Drei von fünf Tölpel- und zwei von drei Fregattvogelarten weltweit leben hier. Die Tölpel können bis zu 15 Jahre, die Fregattvögel bis zu 65 Jahre alt werden. Ich selbst empfinde die Landschaft als verdörrt, unfruchtbar und lebensfeindlich, viele Tiere, die diesem extremen Lebensraum nicht gewachsen waren, sind hier verendet. Besonders aktiv und paarungsintensiv verhalten sich die Blaufußtölpel. Die Männchen tanzen auf ihren blauen Füßen, recken den Nacken in den Himmel und spreizen die Federn. Mit dieser eitlen Geste haben sie es zum Rang eines Wappentieres der Galapagos-Inseln gebracht, und die Souvenirläden haben ein besonderes Motiv für Lebensfreude und Paarungswillen in schweren Zeiten. Fregattvögel haben im Verhältnis zum Körpergewicht die größte Flügelspannweite. Das macht sie besonders manövierfähig und zu wahren Luftakrobaten. Sie gelten als die Piraten der Lüfte, denn sie rauben den anderen Vögeln die erbeuteten Fische noch in der Luft und plündern deren Gelege. Ihre Flügelspannweite kann bis zu 2.30 Metern betragen. Auf North Seymour leben beide Arten von ihnen, der "Minor" und der "Magnificent".

Ich persönlich fühle mich deplatziert, weil ich in einer falschen Reisegruppe gelandet bin. Abgeholt und abgefahren bin ich im Bus mit einer deutschen Reisegruppe, die ich schon auf der Fahrt von Santa Cruz nach Isla Isabela kennengelernt habe. Doch in dem Wirrwarr um das richtige Schiff für die Tour lande ich auf einem anderen Dampfer, zwar mit dem gleichen Tagesprogramm, aber mit einem anderem Reiseführer. An Deck sind überwiegend Russen und amerikanische Passagiere. Jetzt endlich weiß ich, was Blaufußtölpel auf Russisch heißt, aber das verrate ich nicht. Den Reiseleiter, der mich persönlich abgeholt hat, sehe ich nicht wieder. Also erfahre ich alles über North Seymour zweisprachig, englisch und russisch übersetzt. Am Insel-Programm und am späteren Schnorcheln ändert das wenig. Zudem bekomme ich in dieser befremdlich durchmischten Gruppe netten Kontakt und ein anregendes Gespräch mit einem italienischen Professor der Kindermedizin, der weltweit in Diensten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) tätig ist. Er war auf einem dreitätigen Fachkongress in Ecuador und ist danach zum Ausspannen für drei Tage auf die Galapagos-Inseln geflogen. Und wie es so ist: Wenn man reist, spricht man am liebsten über das Reisen. Er war bereits in 165 Ländern der Welt und ist Gold-Mitglied im "International Club for Great Voyagers". Nur war er auf seinen Inselaufenthalt denkbar schlecht vorbereitet, denn zum späteren Schnocheln auf der Insel Masquera trägt er ein weißes Oberhemd, an dem die Bügelfalte noch erkennbar ist. Das Vergnügen des Schnorchelns auf Galapagos hält sich optisch für mich weiterhin in Grenzen - aus einem einfachen Grund, unter Wasser gibt es keine Korallen, sondern nur tiefgraues Lavagestein.

Mittlerweile hat sich auch die Sache mit dem Speedboat geklärt. Die „Neptuno“ hat im letzten Moment ein technisches Problem bekommen, sodass ein anderes Boot eingesetzt werden mußte. Dabei kam es zu Verwirrungen und Verwechslungen seitens des Bootsunternehmers, wovon auch ich betroffen war. Die entstandenen Kosten sollen mir erstattet werden. Nur eine Rechnung habe ich nicht bekommen.


Puerto Ayora
Provinz Galápagos, Ecuador
  • Small
    Claus hat am kommentiert:

    Hallo Rainer!
    immer wieder starke Bilder und schöne Beschreibungen. Danke!
    Grüße aus der stürmischen Heimat
    Claus

Rainer Small

79. Tag

20. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

Isla Isabela / Puerto Villamil

Santa Cruz / Puerto Ayora

Auf keiner Passagierliste

Lenin hat’s gemacht. Der Kandidat der Linken hat mit 10 Prozent Vorsprung den Präsidentschaftswahlkampf in Ecuador gewonnen. Dazu gratuliere ich ihm. Nun hat das Land wieder Ruhe.

Doch das nur am Rande. Heute ist ein Naturwandertag auf dem Trockenen. Es geht durch die "Humedales", ein Feuchtgebiet zwischen Mangrovensümpfen, die unter den klimatischen Bedingungen auf der Insel, zunehmend austrocknen. Natur heißt immer auch "Naturpark". Und da geht es nicht ohne Guides, auch "Naturalistas" genannt. Von denen  gibt es auf allen Inseln rund 240, bei Bedarf doppelt so viele. Meiner heißt Josef und ist ein sympathischer Bursche von 34 Jahren, der wie alle seiner Zunft gut ausgebildet ist. Zuerst führt unser Weg zu den Leguanen am Lavastrand. Diese Urtiere haben sich so grundlegend der  Umwelt angepaßt, dass man fast über sie stolpert. So viele sind es und so reglos scheinen sie. Doch das ist nicht immer so. Wenn es um Revier- und Paarungskämpfe geht, können sie sich kräftig ineinander verbeissen. Joseph schärft meinen Blick für die Kuhlen im Sand, in denen die Iguanas ihre Eier ablegen. Landschildkröten sind ebenfalls unterwegs auf den gleichen Wegen wie wir. Hier zeigt sich ein optisches Phänomen. Je weiter die Tiere entfernt sind, desto größer und erwachsener wirken sie, doch je näher man Ihnen kommt, desto kleiner und jugendlicher sehen sie aus. Wir schmunzeln darüber. Der Boden ist bedeckt mit den bereits erwähnten kleinen giftigen Äpfeln, die die Schildkröten gerne essen und gut verdauen. Für die Vielfalt der Vegetation fehlen mir Namen und Begriffe, alles gehört zur Vegetationsform  Mangrovenwald. Insgesamt ist der Weg, den wir gehen können, neun Kilometer lang. Doch nach weniger als der Hälfte drehen wir bei. Die Mittagshitze wird zu stark und die Wasservorräte gehen zur Neige. Auch die Landschaft verspricht keine größeren Variationen mehr. Am Ende schaue ich mir noch einmal die Schildkrötenaufzuchtstation an, die sich allein Fortbestand der endemischen Isabela-Schildkröte und ihren Unterarten widmet und gewinne zunehmend Respekt für die liebevolle Hingabe zu dieser bedrohten Art.
Zum dritten Mal nehme ich mein Mittagsmenü in den kleinen Restaurant mit den drei Tischen, "Punto Caliente" ein. Mir schmeckt es und dem Einheimischen, der sich an meinen Tisch setzt, ebenfalls. Ich verrabschiede mich von der Insel und lasse mich zum Hafen fahren, wo mich ein Ärgernis erwartet.

Für die vorab gebuchte Rückfahrt von der Isla Isabela nach Santa Cruz, die ich um 15:00 antreten muß, stehe ich auf keiner Passagierliste und kann auch kein Ticket vorweisen. Meine Reiseagentur, die mich für die Speedboat-Fahrt einbuchen sollte, scheint mich vergessen zu haben. Mit Mühe gelingt es mir, das letzte verfügbare Ticket auf der "Sierra Negra" für 30 USD zu erwerben und komme letztlich noch ans Ziel des Tages, in das Hotel Lobo de Mar, in dem noch mein Gepäck eingelagert ist.

Puerto Ayora
Provinz Galápagos, Ecuador
Rainer Small

78. Tag

19. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

Isla Isabela / Puerto Villamil

"Boobies"

Ich komme nicht umhin, ein politisches Thema an den Anfang dieses Tagesbeitrages zu stellen. Die Straße, an der mein Hotel liegt, endet in 100 Metern vor dem zentralen Wahllokal der Insel, das an normalen Tagen als Schule dient. Da sich meine Abholung verzögert, warte ich vor dem Hotel und schaue den Wählern zu, die zur  Stimmenabgabe schreiten. Alle haben sich fein gemacht. Wer von den Männern eine lange Hose besitzt, der trägt sie heute. Es herrscht Volksfeststimmung. Es gibt Sammeltransporte und einen Abholservice sowie letzte Versuche eines Stimmenfangs.

Doch das alles nur am Rande. Der heutige Ausflug in einer siebenköpfigen Gruppe (drei Paare aus den USA, Chile und Kanada) führt in knapp einer Bootsstunde zum landschaftlich Schönsten, was die Insel zu bieten hat. „Los Tuneles“ heißt die Region. Unterwegs gibt es drei Stopps, einer zu Wasser, einer zu Lande und einer unter Wasser. Der erste Haltepunkt ist ein  zerklüfteter Felsen, der von Blaufusstölpeln, „Boobies“ genannt, besiedelt ist. Das Boot kreist herum, wir machen Fotos von allen Seiten. Der zweite Punkt ist „Los Tuneles“. Mit Geschick lenkt der Bootsführer sein Schiff durch die engen Felskanäle zum Anlege- und Ausstiegspunkt. Lavaflüsse haben hier ein Labyrinth aus Bögen und Tunneln überirdisch wie unter dem Wasser geschaffen, zerklüftet und mit tiefen Spalten. Innerhalb einer abgesteckten Fläche dürfen wir umhergehen. Mangroven, Kakteen und Farne finden darauf einen idealen Nährboden. Boobies haben ihre Heimat hier, turteln und paaren sich. Wir schauen auf dümpelnde Schildkröten und Schwärme blauer Fische, die ihnen folgen. Man spürt die Isoliertheit dieser besonderen Lebensform.

Beim dritten Halt werden Schnorchelmaske und Schwimmflossen (Leihgabe vom Veranstalter) angelegt. Der Guide und Vorschnorchler hat uns mit reichlich Verhaltensregeln versehen. Er kennt die Reviere von großen Seepferdchen, kleinen Haien und Wasserschildkröten und weiß um deren Standorttreue. All das will er uns zeigen. Allerdings ist mir ein großer Teil dieses Vergnügens entgangen, weil man dazu für einige Sekunden unter die Wasseroberfläche gedrückt wird und auf ein Zeichen hin die Luft anhalten muss, was mir gar nicht behagt. Allen macht es Spaß, ich stelle mich weit hinten an und spiele den kleinen Feigling. Mich unter Wasser drücken zu lassen, nur damit ich einem harmlosen Hai in die Augen sehen zu kann, das ist mir an diesem Tag des Guten zuviel oder, besser gesagt, soviel Schnorchelerfahrung besitze ich noch nicht. Als sich dann aber eine ausgewachsene Meeresschildkröte zwischen mir und einem Felsen hindurchschiebt und mich am Bauch kitzelt, da wiederum habe ich Spaß. Das Schnorcheln vor der Isla Isabela hat mich weniger begeistert als erwartet. Das Wasser war trübe, der Artenreichtum der Fische nicht übermäßig groß, nur die Schildkröten haben überzeugt. Da hat mir das Schnorcheln vor Bora Bora in der Südsee sehr viel besser gefallen. Die Sicht war klarer, das Meer kuscheliger, die Fische viel bunter und die Haie zutraulicher. Zu denen musste man nicht hinabtauchen, die kamen zu einem. Aber dies ist eine Einzelmeinung, die sich nicht mit der allgemeinen Begeisterung über das Galapagos-Schnorcheln deckt.

Um 22:00 startet ein Hupkonzert auf der Straße vor dem Hotel. Und wer nicht hupen kann, sitzt vorm Fernseher. Der Wahlsieger scheint festzustehen, keine Ahnung, wer es ist. Am Himmel leuchten nur wenige Sterne.


Puerto Villamil
Provinz Galápagos, Ecuador
Rainer Small

77. Tag

18. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

Isla Isabela / Puerto Villamil

Giftige Äpfel

Den Abschluss des Strandes von Puerto Villamil bildet das Hotel Iguana Crossing. Von dort führt ein 1,2 Kilometer langer Weg zur Schildkrötenaufzuchtstation. Der Weg dorthin schlängelt sich durch Mangrovenwälder vorbei an Salzwasserlagunen mit Flamingos und vielen Schwimmvögeln. Unterwegs gibt es eine schattige Sitzgelegenheit. Der Boden herum ist übersät mit kleinen Äpfeln. Ein Schild macht auf deren Besonderheit aufmerksam: „Bitte von den Äpfeln fernhalten. Die Manchineel-Apfelbäume gibt es nur auf Galapagos. Sie besitzen eine milchige Substanz von sehr beunruhigender Wirkung. Die Früchte sind giftig. Nur die Riesenschildkröten können die kleinen Äpfel verdauen.“

Ich setze den Weg fort und sehe fast nach jedem Schritt Vegetationsformen, die mir vollkommen unbekannt sind. Bäume und Buschwerk, das ich nicht zuordnen kann, unbekannte Wasser- und Watvögel. Ich mache Fotos und staune leise vor mich hin. Der Weg endet an der Aufzucht- und Pflegestation, die allein der Existenzsicherung der bedrohten Isabela-Schildkröten dient.

Der Aufwand, der dafür betrieben wird, ist hoch und scheint gerechtfertigt. Bei einem vorab gebuchten Ausflug in zwei Tagen werde ich mich eingehender mit diesem wichtigen ökologischen Thema beschäftigen. Heute bin ich eher ohne Plan hier gelandet und gehe im Anschluss nach einem Kurzbesuch über die Straße wieder zurück in Richtung Strand und Ortszentrum.

Ich möchte meinen Tag in der Rosada Sunset Bar beschließen, am liebsten mit einem Cocktail, muss aber zur Kenntnis nehmen, dass an diesem Samstag, dem Vorabend der Präsidentenwahl, weder Alkohol ausgeschenkt noch Musik gespielt werden darf. Ich nehme Fisch and Chips und Mineralwasser zu mir. Von diesem Abend habe ich mir mehr versprochen. Zumal ich ein kleines Problem auf mich zukommen sehe, das ich schon am Vorabend wahrgenommen habe bzw. nicht wahrnehmen wollte: eine Moskito-Plage. Außer einem Juckreiz hinterlassen die Plagegeister keine Spuren. Alle wichtigeren Utensilien wie etwa ein langärmeliges Hemd oder Mückenschutz habe ich nicht auf Isla Isabela mitgenommen.

Puerto Villamil
Provinz Galápagos, Ecuador
Rainer Small

76. Tag

17. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

Santa Cruz / Puerto Ayora

Isla Isabela / Puerto Villamil

Gestalt eines Seepferdchens

2,5 Stunden dauert die Fahrt mit dem Schnellboot von Santa Cruz zur Isla Isabela in 77 Kilometer Entfernung. 30 Passagiere sind an Bord. Nicht allen bekommen Tempo und Seegang gleichermaßen gut. Am Hafen wieder eine Gepäckkontrolle und 10 USD Inseleintritt. Über die Adresse meines Hotel habe ich mich vorher nicht informiert und einen Abholservice gibt es nicht. All zu weit entfernt kann ja das Hotel San Vicente nicht sein. Ich trabe los, auch um einen ersten Eindruck des Ortes Puerto Villamil zu bekommen. Staubig ist es hier, knochentrocken, Wüstenklima. Zum Hotel frage ich mich durch. Der Empfang ist knapp und korrekt: „Rainer?“ Ich erhalte meinen Schlüssel, mir wird das Zimmer gezeigt. Ich frage nach dem Internet und erhalte einen Papierschnipsel mit einem Zahlen-Buchstaben-Code. Frühstück gibt es auch. Wir verständigen uns darauf, dass das Personal kein Englisch und ich kein Spanisch kann. Das Zimmer ist ok, nicht übermäßig sauber und hält einen für meine Verhältnisse ungewöhnlichen Rekord, nämlich acht verfügbare, freie Steckdosen. Dafür hat der Fernseher kein Signal. Überraschenderweise ist das Internet im Zimmer so gut, dass ich mit meiner Frau skypen kann, jedenfalls heute.
Puerto Villamil auf der Isla Isabel ist ein müder Ort mit 2.500 Einwohnern. Auf einer Inselkarte sehe ich, dass Isabela als Insel ziemlich genau die Gestalt eines Seepferdchens hat. Sieht lustig aus. Der Hauptinselort hat einen kleinen Markt mit einem Lokal, in dem ich das Tagesmenü für 4,50 USD bestelle: Fischsuppe, Reis mit Linseneintopf, Schweinefleisch und Bauchfleisch vom Rind. Dazu einen frischer Fruchtsaft. Gelegentlich schüttet die Betreiberin aus einem Eimer Wasser auf die Straße, damit die Staubfahnen der vorüberfahrenden Autos nicht Überhand nehmen. Im Ort steht eine moderne katholische Kirche im Stil der Insel.
Als ich am Abend zum zweiten Mal hineinschaue, predigt ein Geistlicher von der Kanzel, ein einziger Gläubiger sitzt auf der Bank. Einige Restaurants hat der Ort ebenfalls, fast alle bieten Pizzas an in unterschiedlichen Durchmessern. An Landtieren habe ich bisher nur Leguane gesehen, die sich in ihrer lavagrauen Körperfarbe genau der Umgebung anpassen. Pardon, aber da fand ich die Mini-Drachen im Park von Guayaquil wesentlich zackiger, sind wohleione komplett andere Spezies. Charles Darwin hat die Isla Isabela am 29. März 1835 betreten und hier wesentliche Recherchen zu seinem Hauptwerk „Über die Entstehung der Arten“ betrieben.

Puerto Villamil hat einen drei Kilometer langen Sonnenuntergangsstrand und die dazu passende Sunset Beach Bar, wo man in Hängematten mit einem Cocktail in der Hand und mit Meeresrauschen im Ohr entspannt abhängen kann. Hier geht mir das Herz als Alt-Hippie auf. Eine entsprechende Empfehlung dazu findet sich auch im Lonely Planet-Reiseführer, die ich hiermit wörtlich übernehme: "BAR CASA ROSADA (Bar The Pink House next to the Hotel Caleta Iguana also called The Pink House), Antonio GIl y Flamencos, Tel.: 5 25 29 405. Definitely the place to hang-out at night! Happy hour from 5pm to 7pm, live music, hammocks, volleyball games, slack line... Full of locals and tourists from Monday to Saturday. A no-miss if you go to Isabela!"

Übrigens verfügt Isla Isabela über 68 Prozent der gesamten Landmasse der Galapagos Inseln. Ecuador besitzt, bezogen auf die Landesfläche, den größten Artenreichtum der Welt.

Puerto Villamil
Provinz Galápagos, Ecuador
Rainer Small

75. Tag

16. Februar

Ecuador

Galapagos Inseln

Santa Cruz / Puerto Ayora

Wahlkampf auf Galapagos

Zum vierten Mal (nach den Flügen Tahiti-Osterinsel, Osterinsel-Santiago der Chile, Santiago de Chile - Guayaquil) fliege ich mit den LATAM Airlines. Diese ist ein Zusammenschluss der chilenischen LAN Air und ihren Tochtergesellschaften und der brasilianischen TAM Airlines. Insgesamt bedient die LATAM 115 Ziele in Lateinamerika. Ich erwähne dieses nur, weil deren Bordservice, beginnend vom fehlenden Entertainment bis zum Plastiktüten-Qualität des Essens, der enttäuschendste auf den vielen Flügen meiner Reise ist.

Heute beginnt das Abenteuer Galapagos-Inseln. Der Insel-Eintritt von zehn USD ist noch am Ausgangsflughafen zu entrichten. Noch bevor man überhaupt einchecken darf, muss man sein Gepäck durchsuchen lassen nach mitgeführten Naturalien jeglicher Art. Um auf den abgelegenen Archipel zu gelangen, muss man erstmal tief in die Tasche greifen. Das Gepäck, das nicht mit an Bord geht, versiegelt. Die Nationalpark-Gebühr von 100 USD ist dann bei der Ankunft zu entrichten. Dort wird dann das Bordgepäck gefilzt. Zielflughafen auf Galapagos ist die Insel Baltra, die allerdings selbst nicht Teil des Galapagos-Nationalparks ist, weil hier die USA einst einen Militärflughafen errichtet haben, um die westliche Zufahrt zum Panama-Kanal zu schützen. Doch waren die hier stationierten Einheiten nie an Kampfhandlungen beteiligt. Diese Geschichte erinnert mich an Bora Bora, wo die USA ebenfalls einen Militärflughafen hinterlassen haben, der nie militärisch genutzt wurde, dem Land aber späterhin und in Sonderheit dem Tourismus gute Dienste geleistet hat.


Vom Flughafen steigt man in einen Zubringerbus zu einer Fähre, die auf die Insel Santa Cruz fährt. Von dort zum Hauptort Puerto Ayora am anderen Ende der Insel sind es 40 Minuten Fahrt. Meine Agentur hat mir einen guten Geist und Fahrer zur Verfügung gestellt, der mich und mein Gepäck bei der Hand nimmt und zum Hotel im Zentrum des Ortes bringt. Das Hotel Lobo de Mar trägt „Grand Hotel“ im Titel, ist aber eine freundliche kleine Unterkunft mit starken Gebrauchsspuren. Ich fühle mich dort wohl. Mein erster Orientierungsversuch soll mich zur Charles-Darwin-Foundation führen, einem Museum zur Pflege des Andenkens an den großen Naturforscher. In Kommentaren zuvor habe ich gelesen, dass diese Institution vom Erkenntniswert und vom baulichen Zustand her keinen Besuch wert sei. Dennoch mache ich mich auf die Socken und drehe bald wieder um, weil es Nachmittag und damit einfach viel zu heiß ist. Längere Wege sollte man auf den Vormittag verlegen. Also vertageich meinen Besuch und gehe Richtung Stadtmitte bis zum Hafen, von wo ich morgen für drei Tage auf die Insel Isabela fahren werde. Ich stimme mich mit dem Hotel ab, dass ich mein großes Gepäck dort lasse und lediglich meinen Rucksack für den Ausflug mitnehme.

Wieder einmal bin ich zum richtigen Zeitpunkt in der Stadt, denn in Puerto Ayora ist richtig was los, so viel wie nur alle vier Jahre einmal. Denn der Wahlkampf zur Präsidentschaftswahl in Ecuador hat auch die Galapagos-Inseln erreicht. In Ecuador finden am Sonntag, 19.Februar, die ersten Wahlen dieses Jahres für Lateinamerika und die Karibik statt. Und Politik ist in dieser Region der Welt ein besonders schweres Geschäft. Auf einem großen Platz mit Bühne gleich am Hafen, der nur 200 Meter vom Hotel entfernt ist, probt eine Band lange und intensiv, anscheinend um den Kandidaten der weißen, d. h. der konservativen Partei zu unterstützen, der den Namen „Lasso“ trägt und Bankier ist. Der Gegenkandidat von der gelben Partei, die an der Regierung ist, heißt mit Vornamen „Lenin“, Da mir die jegliche Kenntnis von den Varianten der ekuadorianischen Politk fehlt und ich den gesamten Trubel wenig durchschaue, habe ich nur Spaß an dem Namensspiel und verkürze auf: "Lenin gegen Lasso", Gelb gegen Weiß  Die gelben Unterstützer fahren in einem schier endlosen Wagenkorso ein. Gelbe T-Shirts und Fahnen, ohrenbetäubendes Hupen grell-gelbe Lichter, soweit das Auge reicht. Die Begeisterung drückt sich lautstark und südamerikisch emotional, aber auch friedlich und heiter aus. Im Anschluss läuft die weiße Partei auf, allerdings mit deutlich weniger Unterstützern. Auf der Bühne werden einige Reden geschwungen und dann geben alle Ruhe. Ich warte noch auf ein ecuadorianisch-karibisches Popkonzert, aber das lässt auf sich warten. In gehe zurück in mein Hotelzimmer und lasse das Fenster weit auf, aber es passiert nichts mehr. Das ist mein erster Tag auf den Galapagos-Inseln. Zehn weitere werden folgen.

Puerto Ayora
Provinz Galápagos, Ecuador
Rainer Small

74.Tag

15. Feb.

Ecuador

Guayaquil

"Bitte Köpfe einziehen"

Der Malecón 2000 ist die Fußgängerzone Guayaquils und vermutlich der einzige verkehrsberuhigte Ort der Stadt mit Öffnungszeiten. Aber wirklich schön ist die Promenade nicht. Sie führt entlang am Ufer des breiten, gelb-braunen Flusses Río Guayas. Der Malecón, einer der umfangreichsten städtischen Erneuerungsprojekte in Südamerika, ist 2,5 Kilometer lang und ein öffentlich überwachter Raum, der von einem Geländer umgeben ist. Geboten werden Restaurants, ein Museum, ein IMAX-Kino, ein Einkaufszentrum und - oh Wunder - wieder einmal ein Riesenrad. Dazu kommen die Statuen südamerikanischer Freiheitshelden in staatstragenden Posen und viel Kunst im öffentlichen Raum.

Ich möchte den Malecón 2000 vom einen bis zum anderen Ende gehen und entdecke per Zufall, dass Guayaquil auch einen Panorama-Bus für Touristen hat. Genau mein Ding, ich steige ein. Der junge Frau, die die Tour leitet, gibt mir zu verstehen, dass die Erklärungern zwar zweisprachig, also spanisch und englisch sind, sie aber kein Englisch spricht, sondern vom Blatt abliest. Mir wird immer deutlicher, wie wenig Zugang ich zu der hochentwickelten Weltsprachen-Gemeinschaft des Spanischen habe, was ich für mich als großen Nachteil enpfinde. Die Rundfahrt ist nicht sonderlich attraktiv ebensoweing wie die Stadtteile, durch die sie führt. Dafür hat sie abenteuerliche Aspekte, weil der Weg, den der Bus nimmt, nicht für zweistöckige Fahrzeuge vorgesehen ist. Tiefe Straßenbrücken und -tunnel, querstehende Äste und Schilderbrücken, vor allem aber durchhängende Stromkabel äußerst knapp über der Oberkante des Busses nötigen die Sprecherin wiederholt zu der Bitte: "Jetzt bitte Köpfe einziehen." Hätte ich mich nicht tief  in meinen Sitz auf dem Oberdeck verkrochen, ich glaube, ich hätte mir den geplanten Frisieurbesuch für den Nachmittag sparen können. (Übrigens der zweite Friseurbesuch auf meiner Reise nach dem ersten in Wellington, Neuseeland, am 9. Januar). Ein Peruaner hat vor lauter Selfies-Machen die Gefahr nicht erkannt und erst im allerletzten Moment den Kopf eingezogen. Wir machen Halt an einem Aussichtspunkt, dem Mirador Cerro Paraiso. Von dort sehe ich das Fußballstadion des Barcelona Sporting Club, der von spanischen Auswanderen gegründet worden ist, und eine davor gebaute Kaserne. Am höchsten Punkt lasse ich meinen Blick schweifen über einen urbanen Raum, der sich bis zum dunstigen Horizont erstreckt, 3,5 Millionen Einwohner hat und das wirtschaftliche Zentrum des Landes ist.

Der Friseurbesuch bleibt mir nicht erspart und wird sogar angenehm. Der Betreiber des kleinen Barber Shops ist ein Meister seines Fachs und entfernt neben der gewünschten Kürzung des Haupthaares auf 8 Millimeter auch das Haar an anderen Stellen des Kopfes, wie Nase, Ohr und Augenbrauen. Ich zahle 8 USD und bin sehr zufrieden.

Morgen beginnt mein Galapagos-Programm. Der Hotel-Shuttle bringt mich um 06:00 zum Flughafen. Um 9:40 geht mein zweistündiger Flug auf die Insel Baltra. Ein Fahrer holt mich am Flughafen ab und bringt mich zum Hotel auf die Insel Santa Cruz. Das Hotel heißt Lobo de Mar.

Rainer Small

74.Tag

15. Feb.

Ecuador

Guayaquil

Iguanas de Guayaquil

Gesehen und persönlich um Fotoerlaubnis gebeten im Parque Seminario

Guayaquil
Provinz Guayas, Ecuador
Rainer Small

73.Tag

14. Feb.

Ecuador

Cuenca / Guayaquil

Wieder im Bus

Heute verlasse ich Cuenca. Ich gehe noch einmal um den Parque Calderon und nehme Anzeichen des beginnenden Präsidentschaftswahlkampfes wahr, der mir bisher entgangen sind. Per Taxi steuere ich den Busbahnhof an, besorge mir das Ticket für Guayaquil und lasse mir das Abfahrtsgate und den richtigen Bus zeigen. Diesmal habe ich sogar eine Sitzplatznummer. Der Bus ist wesentlich moderner als auf der Hinfahrt, nicht überfüllt und hat sogar ein Bordkino. Die Fahrt nach Guayaquil führt auch durch den Nationalpark Cajas, vorbei an dem Panoramapunkt Tres Cruces auf 4167 Metern Höhe, an dem ich bereits zwei Tage zuvor gewesen bin. Die Fahrt dauert knapp vier Stunden und ich komme wieder unter im Grand Hotel Guayaquil, wo ich mich gut aufgehoben fühle. Da heute Valentinstag ist, werden überall bonbonfarbene herzige Ballons angeboten. Ich bin wieder einmal beeindruckt von der Fülle von Polizei und Sicherheitskräften. Ich kann nicht sagen, ob mich dies beglückt oder beunruhigt. Nur eines weiß ich jetzt schon, obwohl ich noch einen Tag hier vor mir habe: Guayaquil ist ein Moloch von Stadt, von dem ich mich gerne wieder verabschiede. Mangels erwähnenswerter weiterer Vorkommnisse beende ich den Tagesblog an dieser Stelle und ziehe mich zurück.

Guayaquil
Provinz Guayas, Ecuador
Rainer Small

72.Tag

13. Feb.

Ecuador

Cuenca

Kulinarisches

Schwein gehabt. Endlich habe ich mein Meerschweinchen bekommen, Cuy in der Landessprache, Guinea pig auf Englisch. In der Innenstadt von Cuenca gibt es das Nationalgericht nur hier. "Tre Estrellas" heißt das unscheinbare Restaurant, das sich Salon nennt und das beste Cuy in Cuenca serviert. Es gehört einer jungen Familie. Innen sieht es aus, als hätte man eine alte Maschinenwerkstatt ausgeräumt und die Einzelteile an den Wänden befestigt. Es herrscht Flohmarktatmosphäre. Vollkommen schräg und aus der Zeit gefallen. Eine Stunde Vorbereitung braucht es. Die Zeit verbringe ich in einem Privatmuseum an der gleichen Straße, der Calle Larga, und beschäftige mich etwas mit der präkolumbianischen Geschichte, den Aborigines von Ecuador. Der Wirt des Lokals scheint an Gäste wie mich gewöhnt. Als er sieht, wie ich die Kamera bereit mache, lädt er mich sogleich ein, den Meerschweinchen-Griller bei seiner Tätigkeit zu fotografieren, was ich mit Freuden mache, und ebenso gerne lasse auch ich mich beim Essen fotografieren. Erster Hinweis: Man nehme bitte die Finger. Dazu kommen Kartoffeln, Salsa, Mais, würzige Beilagen und ein großes Bier. Allzu viel ist an so einem armen Meerschweinchen nicht dran. Die Haut ist knusprig und fest, das Fleisch ist weich und wenig, etwas fettig und von feinem Geschmack. Auf den Teller kommen auch die Zutaten wie Beine, Schwanz und Kopf. Preis für Teller: 20,98 USD mit ordnungsgemßer Rechnung und korrekter Mehrwertsteuer. Der Preis ist vollkommen in Ordnung. Die einzigen Abenteuer sind doch die des Essens auf dem Teller. Nur zwei Tische sind besetzt zur Mittagsstunde, abends soll es hier kaum noch freie Plätze gebem.

Bleiben wir kurz bei diesem Thema. Ansehen möchte ich mir den lokalen und überdachten Markt, auf dem alle regionalen Produkte angeboten werden, viel Fleisch, wenig Fisch, weil Cuenca nicht am Meer liegt, und vor allem Obst. Meerschweinchen soll es an den Fleischtheken im ersten Geschoss auch geben, aber ich suche und finde sie nicht. Neugierig geworden bin ich auf Kirschen, denn an meinem ersten Abend in Cuenca habe ich Indio-Frauen (die mit den weiten Röcken, den Zöpfen und dem Hut) mit Schubkarren voller Kirschen gesehen. Keine Ahnung, wo die wachsen und wie sie schmecken. Aber auf dem Markt nehme ich mir einen Beutel mit und bin begeistert über die kleinen Früchte, angenehme Süsse, frei von jeglichem unfrischen Beigeschmackt und Fleischeinlage. Eine delikate Wegzehrung.

Ich hatte mir noch für den Nachmittag ein kleines Projekt vorgenommen, nämlich alle Kathedralen und Kirchen auf meinen Wegen zu fotografieren, aber es sind zu viele Gotteshäuser. Ich habe es bleiben lassen. Die Bewohner von Cuenca scheinen sehr religiös zu sein, auch abends werden noch Vespergottesdienste abgehalten. Nicht nehmen lassen habe ich mir den Besuch des Panama-Hut-Museums. Denn die beliebtem Kopfbedeckungen, die nach dem Land Panama benannt sind, werden in Cuenca produziert. Wie die Hüte gefertigt werden, aus welchen Materialien und mit welchen Wekkzeugen, das wird in dem Museum gezeigt. Gekauft werden darf natürlich auch. Im Durchschnitt liegt der Preis bei 30 USD. Ich persönliche trage meinen Panama Hut bei vielen Gelegenheiten und kenne seinen Preis bei uns sehr wohl.

Doch ich muss mich auch kräftig über die schöne Kolonialstadt aufregen. Cuenca gehört seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe wegen seiner harmonischen Verschmelzung lokaler und europäischer Architekturelemente. Aber es erstickt im Verkehr. Dafür hat die Stadt diesen Ehrentitel nicht verdient. Autos verdecken die Blicke auf den zentralen, wirklich schönen Platz, den Parque Calderon. Kräftig fließt der Verkehr auch auf allen anderen Straßen, allerdings nur in Einbahnstraßen-Richtung, Hinzu kommt eine Vielzahl von Verkehrsampeln, deren Notwendigkeit sich mir nicht erschließt. Die Autos halten immer davor, die Fußgänger an ihren Lichtanlagen nur, wenn sie Lust haben. Überquert man eine Straße, muß man zuerst in alle Himmelsrichtungen schauen. Gäbe es eine Petition für ein verkehrsberuhigtes Cuenca, ich wäre der erste, der sie unterschriebe. Morgen geht es wieder mit dem Bus zurück nach Guayaquil.

Cuenca
Provinz Azuay, Ecuador
Rainer Small

71.Tag

12. Feb.

Ecuador

Cuenca

4167 Meter hoch

Heute ist Wandertag. Ziel ist der Nationalpark Cajas im Hochland von Ecuador, gut 30 Kilometer westlich von Cuenca. Er liegt zwischen 3100 m und 4450 Metern Höhe. Insgesamt befinden sich mehr 270 Seen. Die hügelige Landschaft bietet eine Vegetation, wie man sie aus der Tundra kennt. Eine alte Inkastraße, die größtenteils in ihrem alten Zustand erhalten blieb, kreuzt den Park. Der Nationalpark bietet Schutz und Heimat für eine Vielzahl an endemischen und gefährdeten Tierarten. Besonders hervorzuheben sind der Andenkondor, von dem in Ecuador nur mehr 80 existieren sollen, der Curiquinga, ein großer schwarz-weißer Greifvogel, oder ein Riesenkolibri, der nur von Agaven-Blüten lebt. Andere Arten sind Brillenbär, Bergtapir, Puma, Ozelot, Tigerkatze, Tukane, Füchse und auch Kaninchen.

Es ist ein sonniger Tag und gutes Wanderwetter. In einer internationalen Gruppe von zehn Wanderern besuchen wir zuerst die Lagune Llavicu in 3610 Metern Höhe, der Weg, der um sie herumführt, ist Teil eines alten Inkapfades. Hier machen wir erste Bekanntschaft mit der üppigen Natur am Seeufer und sehen viele Vogelarten, vor allem Kolibris. Dass hier Lamas grasen, damit habe ich hier nicht gerechnet, aber diese Region ist ihre natürliche Heimat. Am Ende der Lagune befindet sich ein zerfallenes Gebäude, das bis Anfang der 40er Jahre Domizil einer deutschen Brauerei war. Es wirkt etwas verloren in der Landschaft an diesem
wolkenverhangenen Tag.

Nach 45 Minuten Fahrt nächstes Ziel im Nationalpark ist der Pass Tres Cruces auf 4167 Meter Höhe. Er ist die kontinentale Wasserscheide Südamerikas. Wir fahren ein Stück weiter und halten oberhalb der Laguna Toreadora. Eine formreiche Páramo-Landschaft liegt zu unseren Füßen. Auf einer Höhe von 3955 Metern beginnen wir unsere 2,5 stündige Wanderung auf dem Camino de Garcia Moreno. Endemische Enzianarten, Agaven und viel Pajonal-Gewächs umgeben uns. Der Weg ist gut begehbar und macht keine Mühe, solange man sein Tempo der Höhe anpaßt. Wenn man den Blick schweifen läßt, verliert man die kleinen Naturwunder zu den Füßen aus den Augen, eine hochalpine Pflanzenwelt, über die Botaniker begeistert sind, nur kleinteiliger, zarter und gleichzeitig an extreme Witterungsverhältnisse angepaßt. Ich genieße das unglaubliche Panorama, das ich in einer Fülle von Fotos festzuhalten versuche, und achte dabei auf jeden meiner Schritte.

Cuenca
Provinz Azuay, Ecuador
Rainer Small

70. Tag

11. Feb.

Ecuador

Guayaquil / Cuenca

Meerschweine essen

Ich habe noch etwas Zeit, bis meine Weiterreise von Guayaquil nach Cuenca ansteht. Also umrunde ich die Gegend des Grand Hotels Guayaquils. Ich werfe einen Blick in die weiße Kathedrale und sehe im Schatten der Kolonial- und Repräsentativbauten viele Zeichen von Armut und Obdachlosigkeit. Ich glaube, dies ist eine Stadt, die mit sich zu kämpfen hat. Guayaquil hat ca. 3,5 Millionen Einwohner und ist damit größer als die Landeshauptstadt Quito. Ich informiere mich ein wenig und lese, dass noch vor zehn Jahren Guayaquil weltweit als die Großstadt mit dem geringsten Grünflächenanteil am Stadtgebiet galt. Die Stadt galt als dreckig, laut und gefährlich und für Touristen abschreckend. All dies nehme ich nicht wahr, dafür umso mehr aber, dass die Hitze hier fast unzumutbar ist. Mein Programm sieht eine 200 Kilometer-Fahrt nach Cuenca in den Anden vor und die Benutzung öffentlicher Transportmittel. Schon die Taxi-Fahrt zum zentralen Busterminal nimmt einige Zeit in Anspruch, weil die Stadt sehr konturenlos und verwildert ist. Der Busbahnhof stellt sich mir als chaotisch dar, eher wie ein riesiges Ramsch-Billigkaufhaus mit Busanbindung auf drei Etagen. Mit meinem Gepäck laufe ich etwas verloren hin und her, viele Rolltreppen rauf und runter. Dazwischen Auslässe für Passagiere zu wartenden Busse, deren Ziele mir vollständig unbekannt sind. Also folge ich konsequent dem Schild „Boleteria“ und gelange zum Ticketverkauf, wo sich danndie Unklarheiten langsam auflösen. Am Schalter 51 der Busgesellschaft Alianza erhalte ich mein Ticket für die dreieinhalbstündige Fahrt mit dem Bus 87 nach Cuenca für acht USD. Da der Bus bereits in zehn Minuten fährt, ist an Reiseproviant nicht mehr zu denken. Und das an einem Ort, wo sich die Proviantstände und -buden geradezu stapeln. Eigentlich sehe ich nur Plastikverpackungen mit unvertrautem Inhalt. Ich verstaue mein Gepäck, der Bus fährt mit 20 Minuten Verspätung los und ist rappelvoll. Das Anbieten von Naschwerk ist auch ein Geschäft während der Fahrt. Bereits nach einem halben Tag Ecuador kann ich den Landesbewohnern äußerste Pfiffigkeit im Gelderwerb Klein- und Kleinstgewerbe unterstellen. Ähnliches habe ich schon bei meinen Taxifahrten beobachtet. Dass man wartenden PKW-Fahrern Wasser und oder einen Imbiss verkauft, macht schon Sinn. Aber es werden auf den Überwegen auch Rap-Dance-Einlagen dargeboten oder, wie in Santiago gesehen, Jongliereinlagen mit Tennisbällen. Da bei den Grünphasen für Fußgänger die Sekunden runterzählt werden, weiß der Fahrer, wie lange das Spiel dauert und hält die Scheibe geschlossen oder spendiert etwas.

Der Bus fährt von Meereshöhe auf die Höhe von Cuenca in 2500 Metern, das ist für Andenverhältnisse untere Kante. Als einmal die Straße weggebrochen ist, geht es weiter über eine rutschige Ausweichroute. Die Reifen sind kurz vor dem Durchdrehen. Cuenca hat ca. 350.000 Einwohner und viel koloniale Bausubstanz mit zahlreichen historischen Kirchen. Mein kleines Hotel heißt Carvallo und steht im Bereich des alten Zentrums. Es besitzt die Architektur eines bürgerlichen Palazzos mit zwei Lichthöfen, Balustraden und Geländern. Ich fühle mich wohl in Cuenca, nur passierte mir am Nachmittag kleines Missgeschick. Ich laufe ein wenig umher und verirre mich mich dabei grundlich. Schnell werden bekannte Straßenzüge und Gebäude zu unbekannten. Ich habe keinen Stadtplan mit und kenne auch nicht den Straßennamen meines Hotels. Es ist bereits um 19:00 und schon ziemlich finster. Ich halte einen Taxi-Fahrer an, doch der kennt das Hotel nicht; der zweite, den ich frage, sagt ja, aber findet den Weg auch nicht, jedenfalls nicht spontan. Mit Hilfe des Stadtplans auf dem Smartphone, eines Kollegenanrufs und meiner Resterinnerung finden wir das Hotel Carvallo an der Gran Colombia 9-52 entre Padre Aguirre y Benigno Malo dann gemeinsam. Gerne spendiere ich ihm dafür 5 USD. Morgen läuft alles anders, denn da wird im Nationalpark gewandert und ich werde abgeholt.

Habe heute abend mit meiner Frau geskypt und musste ihr versprechen, Meerschweinchen essen zu gehen. Ecuadorianer lieben gegrillte Meerschweinchen. Eine gute Adresse dazu weiß ich auch schon.

Cuenca
Provinz Azuay, Ecuador
Rainer Small

69. Tag

10. Feb.

Chile / Ecuador

Santiago de Chile / Guayaquil

Gutschein für einen Mojito

Heute vormittag habe ich genug Zeit, mich auf meinen dreiwöchigen Aufenthalt in Ecuador vorzubereiten.Ich vergewissere mich noch einmal, dass Ecuador den US-Dollar als Landeswährung hat, was sehr praktisch für meine weiteren Unternehmungen ist. Ich lasse mir vom Hotel ein Taxi zum zum Flughafen Santiago rufen und mache eine vollkommen neue Erfahrung: Kreditkartenbezahlung im Taxi. Ich bin frühzeitig am Airport und gebe meine letzten chilenischen Pesos für einen Salat und eine kleine Flasche Pisco Sour (lecker, aber alkoholhaltig) aus. Der Flug nach Guayaquil von knapp fünf Stunden ist nicht sehr angenehm, zwar in der ersten Sitzreihe, aber sehr beengt und mit den Füßen an der Wand, kein Entertainment und ein kaltes Abendessen. Dafür ist das, was mich nach der Landung erwartet, recht angenehm. Das Gepäck kommt flott, die Passkontrolleurin hat einige Fragen zum Aufenthalt im Land. Beim Verlassen der Ankunftshalle werde ich gefragt, wieviel Geld ich mitführe und muss meine Devisen offenlegen. Alles in keiner Weise beunruhigend. Ein Taxi fährt mich für 5 USD zum Grand Hotel Guayaquil, wo meine Reisevouchers bereitliegen. Ich checke ein gegen 20:50. Als Einstimmung bekomme ich zwei bröckelige Biskuits und einen Cocktail-Gutschein für die Hotelbar, den ich später in einen Mojoto umsetze. Das Ambiente ist angenehm mit Latino Live-Musik und einem plätschernden Pool mit einem riesengroßen Leguan aus bunten Glassteinen als Kunstwerk und Blickfang an der Stirnseite, wahrhaft originell. Der Einstieg in mein kleines Ecuador-Abenteuer kann nicht besser sein. Ich lerne eine neue Variante meines Reisestromsteckers kennen. Lediglich das Internet klappt nicht trotz W-Lan-Schlüssel, so kann ich niemandem mitteilen, dass es mir auch hier recht gut geht und ich die Stadt mit ihrer großen Kathedrale und ihren Kolonialbauten erstmals im Vollmondlicht sehen kann. Dass Guayaquil ein uncharmanter Moloch von Stadt mit 3,5 Millionen Einwohnern ist, das wird mir erst am nächsten Mörgen klar.

Guayaquil
Provinz Guayas, Ecuador
Rainer Small

68. Tag

9. Feb.

Chile

Viña del Mar und Valparaiso

Weinberg am Meer und Tal des Paradieses


Bei der Beschreibung des Badeortes Viña del Mar versagen mir die Worte. Die Attraktivität und Popularität des Badeortes, eineinhalb Fahrtstunden von Santiago, will sich mir einfach nicht erschließen. Bei einer unrepräsentativen Besichtigung, wie sie der lokale Reiseveranstalter *Turistik" anbietet, sehe ich eigentlich nur Bausünden. Ich sehe einen Ort am Meer, in den seit mindestens 30 Jahren nichts nichts mehr verändert oder gar verschönt worden ist. Apartmentblocks mit Meerblick gleichen Plattenbauten, der Strand ist unsauber, Müll sammelt sich hinter Verkaufsbuden. Das städtische Casino ist ein Automatenspielpalast. Frische Farbe Fehlanzeige, Putz platzt ab, ich werde angebettelt. Viña del Mar als Erholungsort hat keinen internationalen Standard. Das mag für Chilenen ausreichen, nicht aber für mich als internationalen Touristen.
Aber sicherlich trügt mich meine Wahrnehmung und Viña del Mar ist genauso schön wie es die Reiseführer beschreiben. Nur nehme ich es ganz anders wahr. Das Ambiente des mit 300.000 Einwohnern größten Seebades des Landes mit seinen Palmen und Sandstränden zieht besonders im Januar und Februar zahlreiche Besucher an. Nicht sonderlich gepflegte Parkanlagen und eine Reihe von Diskotheken, Musikclubs und Kneipen sowie ein Casino mit großer Bühne sorgen Unterhaltung und Abwechslung in dem als „Gartenstadt“ (Ciudad Jardín) bezeichneten Ort. Die Stadt liegt an den Ufern des nur saisonal wasserführenden Flusses Marga-Marga. Beliebte Ausflugsziele sind der Botanische Garten (Jardín Bótanico) im Osten der Stadt, der Ausflugspark Parque Sausalito mit einem künstlichen See und die „Blumenuhr“ (Reloj de Flores), dem Wahrzeichen Viñas am Fuß des Cerro Castillo („Schlossberg“). Eine Treppe führt hinauf zu einem Aussichtsplatz mit Blick auf den nördlichen Teil von Viña Del Mar und die gesamte Bucht von Valparaíso. Auf dem Cerro Castillo befindet sich die Sommerresidenz der chilenischen Präsidenten. Unterhalb des Hügels, unmittelbar am Meer, liegt eine von dem 1881 eingewanderten deutschstämmigen Industriellen Gustavo Adolfo Wulff Mowle (1849–1946) burgartig ausgebaute und mit Türmchen versehene Villa. Im Norden von Viña, auf einem Hügel mit Aussicht auf die Stadt und das angrenzende Valparaíso, befindet sich der städtische Friedhof Santa Inés. Dort lag, bis zu seiner Umbettung in eine Präsidentengruft in Santiago 1990 das Grab des von Militärs gestürzten Präsidenten Salvador Allende. Regelmäßig finden bekannte Festivals statt, besonders das Internationale Liederfestival, "Festival de la Canción" auf einer Freilichtbühne im Stadtpark Quinta Vergara.

Viña del Mar und Valparaíso (etwa 125 Kilometer von Santiago de Chile) bilden zusammen ein großes Stadtgebilde, doch im Gegensatz zu Viña del Mar gehört die alte Hafenstadt Valparaíso zu den schönsten Städten Chiles und Südamerikas. Die Chilenen selbst nennen Valparaíso auch das „Juwel des Pazifiks“. Typisch für Valparaíso (Tal des Paradieses) sind die vielen bunten Häuser und kunstvollen Wandmalereien auf den „Cerros“, den Hügeln, die den Hafen und den historischen Stadtkern umgeben. Letzterer wurde aufgrund seiner faszinierenden Architektur aus dem 19. und 20. Jahrhundert im Juli 2003 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Im Rahmen meiner geführten Tour bekomme ich nur wenig Gelegenheit, mich auf die Reize der Stadt einzulassen. Vieles bleibt mir verborgen. Auch mit der Fotoausbeute bin ich sehr unzufrieden, aber es haben sich leider keine besseren Gelegenheiten ergeben. Wer in Valparaíso durch das Labyrinth der vielen kleinen Gassen schlendert, wird kaum vermuten, dass hier fast 300.000 Menschen leben. Außerhalb des Stadtzentrums vermittelt Valparaíso  den Charme eines hügeligen Dorfes am Meer, mit vielen kleinen Geschäften und Galerien, urigen Bars und gemütlichen Restaurants. Die alten Standseilbahnen („Ascensores“), mit denen man einige der oft sehr steilen Hügel erklimmen kann, gehören neben den bunten Fassaden zu den bekanntesten Wahrzeichen der Stadt und stehen unter Denkmalschutz. Der chilenische Nationaldichter und Nobelpreisträger Pablo Neruda ist eng mit der jüngeren Geschichte Valparaísos verbunden. Sein 1961 eröffnetes Haus „La Sebastiana“ ist heute ein Museum und nicht nur für Literaturfreunde einen Besuch wert. 

Das „kleine San Francisco“ nannten die Seefahrer einst Valparaíso, denn neben dem nordamerikanischen San Francisco war Valparaíso die bedeutendste Hafenstadt an der Westküste Amerikas. Mit Eröffung des Panamakanals 1914 verlor Valparaíso diesen Status zwar, ist aber noch immer einer der wichtigsten Häfen Chiles für große Seefrachter aus aller Welt. Außerdem sitzt hier die Verwaltung für Rapa Nui, das 3.600 Kilometer entfernt liegt.

Santiago
Chile
Rainer Small

66. / 67. Tag

7. / 8. Feb.

Chile

Santiago de Chile

Das besondere Flair


Der Einfachheit halber erwerbe ich mir ein Zwei-Tages-Ticket von Viatur, der einzigen Tourismusagentur der Stadt, soweit ich es überschaue. Für normalen Touristen wie mich wird in Santiago wenig getan. Englisch versteht ohnehin kaum einer, aber ich möchte von dieser Stadt auch nicht einfordern, was sie mir nicht geben kann. So habe ich mir für den letzten Tag meines Chile-Aufenthaltes das Highlight vorbehalten, einen Tagestour dorthin zu machen, wo Chile am schönsten ist, nach Valpaiso. Dazu später mehr. Die einzige touristische Buslinie durch die Stadt hat 13 Stationen. Sie differenziert mein Bild von Santiago, weil mich die Kommentatorenstimme im Bus mit Daten und Fakten erschlägt, zur Politik, zur Geschichte und mit der Beschreibung von Denkmälern wichtiger Freiheitskämpfer und Generäle. Ich erfahre den Namen des Lieblingspferdes eines Feldherrn, der die Fackel der Freiheit getragen hat, und weiß, wer das Denkmal vor dem Luftfahrtsministerium entworfen hat. All das und viel mehr will ich nicht gar wissen, spüre aber die Wichtigkeit für das Volk, das sich seinen Politikern eng verbunden fühlt. Blicke in Buchgeschäfte und Zeitschriftenkioske zeigen mir die prominenten Köpfe der lateinamerikanischen Revolution in trauter Einigkeit.
Doch dann sehe ich die Kehrseite, das moderne Santiago voller Banken und Business-Zentren im Stadtteil Providencia. Hier ballt sich die wirtschaftliche Macht des an Rohstoffen reichen Landes. Hier steht der höchste Wolkenkratzer Lateinamerikas, der Gran Torre Santiago, 300 Meter hoch, 62 Stockwerke. Das Gebäude ist Teil des Costanera Centers, wo noch weitere ähnlich hohe Gebäude stehen. Die Fertigstellung hat sich lange verzögert. Architektonischer Größenwahn macht also auch vor Santiago nicht halt, denke ich mir vom Oberdeck meines Busses aus. Im Stadtteil Providencia befinden sich die Botschaften aller wichtigen Länder und die großen internationalen Hotels neben schnöden Fastfood-Läden, eine Bank neben der anderen. Ich staune über die Eitelkeitund Wohlhabenheit dieser Welt Auffällig ist die große Menge öffentlicher Busse und die viel zu größe Zahl gelb-schwarzer Taxis, die ihre Kennzeichen in großen Lettern auf dem Dach tragen. Das erscheint mir sinnvoll, ohne dass ich den Grund dafür nennen könnte

Von der Empfehlung der Santiago-Erklärerin im Rundfahrtbus habe ich mich animiert gefühlt und steige im Szene-Viertel Patio Bellavista aus.und finde hier ein zauberhaftes Quartier. Historische Gebäude, bunte Boutiquen-Fassaden, lockere Bistros mit internationaler Latino-Küche und amüsante und skurrile Kunstinstallationen sorgen für ein besonderes Flair des Antibürgerlichen, stylish, hip und etwas gay, würde man im Szene-Deutsch sagen. Ich lese, dass es hier die größte Konzentration von Kneipen und Lokalen im Land gibt und ideale Einkaufsmöglichkeiten für den Lapislazuli, einen tiefblauen Edelstein, der außer in Chile nur noch in Afghanisten gefunden wird. Die Atmosphäre nimmt mich gefangen, ich lasse mich nieder zu einem kleinen peruanischen Menü. Überall sind große rote Sonnenschirme aufgespannt. Bougainvilleas bedecken eine Restaurantfassade. Bäume spenden Schatten im Innenhof. Hier könnte ich einen Abend verweilen. Jetzt aber will ich wissen, was das Land bei meinem viertägigen Aufenthalt noch zu bieten hat und buche einen Tagestrip nach Vina del Mar und Valparaiso für den nächsten Tag, Donnerstag, den 9. Februar.

Einmal möchte ich Santiago von oben sehen. Die beste Möglichkeit dazu bietet die Standseilbahn, die vom Parque Metropolitano auf den Berg San Cristobal führt. Schrägaufzug ist wohl das bessere Wort dieses besonderen Vergnügens, für das man allerdings lange anstehen muss. Zwei Waggons werden an einem Seilbahn gezogen. Sie fassen jeweils 40 Personen. Es gibt sogar einen Zwischenstopp, der einen Besuch im Zoo ermöglicht. Die Anlage ist vor mehr als 100 Jahren der Stadt von der italienischen Gemeinde Santiagos geschenkt worden. Das dokumentieren historische Fotos im Wartebereich. Nach kurzer gemütlicher Fahrt im Stehen gibt es dann vom 860 Meter hohen Cerro San Cristobal einen grandiosen Blick auf die Weiträumigkeit der Stadt. Auf dem Gipfel steht eine Kapelle und eine Statue der Unbefleckten Empfängnis (Santuario Inmaculada Concepción). Treppen führen bis an ihren Sockel. Mit einem leichten Umweg laufe ich vom Parque Metropolitano zu meinem Hotel.

Santiago de Chile
Chile
Rainer Small

65. Tag

6. Feb.

Santiago de Chile

"Viva la Revolucion"

Der Umzug zu Fuß von dem einem zum anderen Hotel auf der Avenida Libertador Bernardo O' Higgins klappt gut. Dabei habe ich Gelegenheit, mir die Menschen auf dem Gehweg näher zu betrachten. Darunter sind Straßenhändler, die Dinge des täglichen Bedarfs feilbieten, ärmliche Menschen und gutgekleidete Geschäftsleute, alle sind ohne erkennbares Ziel in Bewegung und eher angestrengt als gelassen. Der breite Bürgersteig ist ihre Lebensader. Auch hier wie in allen anderen Metropolen dominiert das Smartphone den Lebensrhythmus. Angekommen im Hotel, bekomme ich noch in der Lobby meinen Internet-Zugangscode und kann liegengebliebene Kommunikation wieder aufnehmen und diesen Reiseblog wieder aktualisieren.
Im Zimmer im neunten Stock kann ich mich entspannen und gehe dann, mit einem Stadtplan bewaffnet, am späten Nachmittag in Richtung des zentralen Platzes der chilenischen Landeshauptstadt, der Plaza des Armas, mit einer mächtigen Kathedrale. Mein Eindruck des Vorabands bestätigt sich: viele Repräsentationsbauten und viel Polizei, die sie bewacht. Es ist, als ob Ostberlin den Mauerfall unbeschadet überstanden hat. Nichts strahlt bürgerlichen Wohlstand und Internationalität aus. Alle wollen über die Runden kommen und glauben an die Revolution. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Mehrfach sehe ich tanzende Paare auf den verkehrsberuhigten Straßen. Ihre in demonstrativer Kostümierung vorgetragenen lateinamerikanischen Tänze laden andere Passanten und mich zum Innehalten und Hinschauen ein. Endlich sehe ich Emotionen und große Gefühle auf der Straße. Das ist mir schon ein paar Pesos wert. Näher an der Plaza des Armas sehe ich Tische mit schachspielenden Männern. Ich bin erstaunt, damit habe ich nicht gerechnet. Ob es um einen Wettkampf oder nur um die persönliche Ehre geht, weiß ich nicht zu sagen, auf jeden Fall, sie spielen zeitgleich und nehmen das Spiel ernst. Etwas, mit dem ich viel eher gerechnet habe, sehe ich auch, eine Gruppe von Demonstranten, die ein Transparent mit sich führt, auf dem ich nur die wichtigsten Worte erkennen kann: "Viva la Revolucion". Dieses Santiago gefällt mir nicht, beschließe ich leise für mich, bestimmt gibt es noch ein anderes Santiago. Das will ich kennenlernen und entdecke, dass es auch hier Hop-on-Hop-off-Busse gibt. Was in Kapstadt, Hong Kong und und Singapur geklappt hat, sollte doch auch in Santiago de Chile möglich sein. Oder etwa nicht?

Santiago de Chile
Chile
Rainer Small

64.Tag

5. Feb.

Rapa Nui / Santiago de Chile

Tänze in Kriegsbemalung

Seit über 40 Jahren das wichtigste Kulturereignis im Jahr ist das zweiwöchige Tapati-Festival Anfang Februar. Familienclans und Folkloregruppen üben das gesamte Jahrhindurch vielfältige Darbietungen und Wettkämpfe ein; es werden Kostüme gebastelt und Tänze und Gesänge einstudiert, die während des Festes in voller Körperbemalung ausgetragen werden. Außerdem werden bei einem Triathlon-Wettbewerb am Rano Raraku-Krater die besten Athleten ermittelt. Hier geht es um Bananenboot-Paddeln, Schilfmatten-Schwimmen oder das Laufen mit Bananenstauden. Es wird gekocht, es werden seltsame Erzähl-Rituale abgehalten, und am Ende wird die Tapati-Königin gekürt. Wer das Tapati-Fest versäumt hat, kann übers Jahr auch Folkloregruppen in den Restaurants bewundern. Jeden Sonntag gibt es in der örtlichen Kirche einen Frühgottesdienst, in dem katholische Elemente mit traditionellen Gesängen vermischt werden. Mit dem Tatapi-Festival will die Insel ihre Zugehörigkeit zu Polynesien und ihre Unabhängigkeit vom Festland demonstrieren. Neben den intensiven Tanz- und Gesangsdarbietungen bin ich auch Zeuge gewesen eines Wettbewerbes zweier kriegsbemalter Tanzgruppen, deren Leistungen von Juroren bewertet werden. Da das Ergebnis anscheinend nicht nach dem Sinn der Zuschauer gewesen ist, werden Pfiffe des Unmuts laut. Aber alle Disharmonie löst sich schnell in Wohlgefallen, wenn die ersten Selfies mit den Siegerkandidaten gemacht werden. Überhaupt fällt mir auf, daß sich alle untereinander kennen, lange miteinander reden und gerne auf die Wange küssen.


Fisch im Erdofen

Die örtlichen Restaurants servieren leider nur selten einheimische Gerichte. Es werden allerdings authentische Fischgerichte angeboten. So wird beispielsweise Seeaal in heißer Asche zubereitet. Neben den traditionellen, aber sehr selten gewordenen Langusten, gibt es Thunfisch. Als Beilagen werden einheimische Süßkartoffeln gereicht. Zur Auswahl steht uch das süße Bananenbrot Po´e. Während der Hauptsaison gibt es für Touristen das im Erdofen zubereitete Traditionsgericht Umu. Umu ist eigentlich ein Festgericht für Hochzeiten oder auch Beerdigungen und besteht aus Fleisch, Fisch sowie Gemüse.
Während der Festivalabende verköstige ich mit frisch zubereiteten Hamburgern und Grillspießen. Einheimisch essen war ich einmal in einem auf Fischgerichte spezialisierten Restaurant: Thunfisch-Steak mit Süßkartoffeln.

Mit betrübter Miene und in dem Bewußtsein, daß ich alsbald nicht mehr hierherkommen werden, verabschiede ich mich von meiner Gastgeberin mit den verbindlichen Worten: "Beim nächsten Mal komme ich mit meiner Frau." Ich erhalte eine letzte Muschelkette. Gemeinsam mit mir verlassen viele Gäste das Hotel. Im Flugzeug nach Santiago treffe ich die meisten wieder, auch einen jungen Mann, einen Deutschen, der in Santiago arbeitet und für eine Woche auf der Osterinsel Urlaub gemacht hat, um sich vom Waldbrand-Smog in Santiago zu erholen. Mit ihm habe ich ein anregendes Gespräch über die wirtschaftlichen Situation in Chile. Er ist Wirtschaftsingenieur und arbeitet als Controler in der Minenindustrie, d. h. er prüft die Wirtschaftlichkeit von Bergbaubetrieben, die von internationalen Firmen betrieben werden. Er selbst hat starke Zweifel an der Produktivität der Arbeiter, weil die Gewerkschaften sehr stark sind. "Auf sieben Tage Arbeit kommen sieben Tage Freizeit", sagt er. Für die Fahrt vom Airport zum Hotel empfiehlt er mir, einen Fahrtgutschein bereits im Flughafen zu kaufen. Das klappt gut. Mein gebuchtes Hotel heißt "Diego de Almagro Aeroporto", aber das Gemeinschaftstaxi bringt mich zum "Diego de Almagro Centro", wo ich dann unterkomme unter Anrechnung des vorabgezahlten anderen Zimmers der selben chilenischen Hotelgruppe. Das Hotel, wie ich dann feststelle, liegt an der gleichen großen und stadtzentralen Durchgangsstraße, der Avenida Libertador  Bernardo O' Higgins, an der auch mein Hotel für die nächsten vier Tage, das Mercure Centro, liegt. Mein erster nächtlicher Gang entlang der Hauptstraße Santiagos zeigt mir Chiles Hauptstadt als große, graue Stadt mit vielen staatstragenden Gebäuden, die mich an Ostberlin vor dem Mauerfall erinnern. Ich beschließe, am nächsten Morgen mit meinem Gepäck acht Blocks weiter zu rollen zum Mercure Centro. Was ich dann auch tue.

Hanga Roa
Chile
Rainer Small

62./63.Tag

3. Feb. / 4. Feb.

Chile

Rapa Nui

Das Ei der Begierde

Was es alles gibt auf Rapa Nui:

6000 Einwohner, mindestens 100.000 touristische Einreisen in 2015, ein Müllproblem, zwei Tankstellen, zwei Banken mit Geldautomaten, ein Krankenhaus, eine Apotheke, Activia-Joghurt der Geschmacksrichtung Brombeere, einen Hop-on-Hop-Off-Bus, einen christlichen Friedhof mit polynesischen Symbolen, eine katholische Kirche mit weihnachtlichem Glockenspiel, zu viele Souvenir-Shops und Autos, einen Fußball-Platz, eine Grundschule, ein Gefängnis, ein Krankenhaus, mindestens 3000 Pferde, Kühe und Hunde, einen öffentlichen Park mit Internet-Anschluss, angeleinte Kurzhaardackel und gesalzene und gepfefferte Preise für alles.

Was es nicht gibt auf Rapa Nui:

für Menschen unmittelbar gefährliche Tiere wie zum Beispiel Schlangen oder Insekten als Träger von Infektionskrankheiten, steuerliche Abgaben, Müllrecycling und ein Bewußtsein für Nachhaltigkeit, öffentlichen Nahverkehr, Briefkästen (außer am Postamt), internationale Geschäfte oder Fastfood-Ketten, Verkehrsampeln und Kreisverkehre, öffentliche Papierkörbe (in meiner Wahrnehmung), kostenpflichtige Eintrittskarten für die Veranstaltungen des Tatapi 2017 und einen einheitlichen Ladenschluss. Weiterhin: Auf dem Postamt kann man seinen Pass eigenhändig mit dem Original-Stempel „Isla de Pascua“ versehen. Dafür gibt es eine Trinkgeldbox. Die Osterinsel hat eigene Briefmarken und viele hübsche Postkarten dazu.


Weiterhin;


Der 1964 zu militärischen Zwecken gebaute Flughafen wird seit 1967 auch allgemein genutzt. Interessant ist, dass die Landebahn des Flughafens Überlänge hat. Sie wurde von der NASA als Ausweichbahn für die Space Shuttles ausgebaut.

Hochgenuss ist die Baby-Ananas to go, die man geschält auf die Hand nimmt.

In Hanga Roa, dem einzigen Ort auf der Insel, leben 95 % aller Einwohner. Nur hier gibt es Elektrizität und fließendes Wasser

Über eines möchte ich noch ein Wort verlieren. Die Sprache der Rapa Nui-Einwohner ist ein bedrohter Dialekt des Polynesischen, der nur noch von der Hälfte der Einheimischen, vor allem von den Älteren, gesprochen und verstanden wird. Die Sprache hat zehn Konsonanten und fünf Vokale. Spanisch verstehen alle.

Will man die historischen Stätten der Insel erkunden, braucht man mindestens drei Führungen: eine ganztägige und zwei halbtägige. Die kosten zusammen 151 USD, hinzukommt die offizielle Nationalparkgebühr von 80 USD. Aber dafür bekommt man viel Spektakuläres und Einmaliges geboten, muss sich aber auch viele Namen merken:

Zum Beispiel den des Vulkankratersees Orongo, ein Pflichttermin auf der Insel. Der Orongo schwebt majestätisch zwischen dem Rand des Rano Rau-Kraters, der zum Meer hin aufgebrochen ist. Vom Kraterrand zum See geht es 200 Meter hinunter, zum Meer hin 300 Meter. Von hier bietet sich ein überwältigender Blick über den pazifischen Ozean mit den drei vorgelagerten Motus (kleinen Inseln), die nie bewohnt waren, aber im Rahmen von Kulthandlungen wie Volljährigkeitsfeiern von besonderer Bedeutung waren. Orongo war auch als Zeremoniendorf wichtig. Noch zu Ende des 17. Jahrhunderts wurde hier der jährliche Vogelmann-Wettbewerb ausgetragen, das rituelle Highlight des Jahres, das über Macht und Ordnung entschied. Von den Inselstämmen nahm jeweils ein Repräsentant des Häuptlings daran teil. Dabei war das erste Ei, das von einer Ruß-Seeschwalbe auf der zwei Kilometer vorgelagerten Insel Moto Nui gelegt und gefunden wurde, das Objekt aller zeremoniellen Begierde. Er mußte das Ei in einen Beutel geben, den er jum seinen Kopf gewickelt hatte. Das Ei galt als Inkarnation des Gottes Make Make. Wer es besaß, erhielt damit höchste religiöse Stärke und wohl auch die höchste politische Macht. Die Zeremonie vollzog sich alljährlich zur beginnenden Brutzeit der Vögel im Juli bis September. Das Fest und die Zeremonie waren so bedeutend, dass für die Zeit der Zeremonie sogar die Stammesfehden außer Kraft gesetzt wurden. Felszeichnungen, die in Orongo gefunden wurden, belegen Ort und Ablauf eindeutig. Der letzte Wettbewerb dieser Art wurde 1866 ausgetragen.

Ahu Akivi ist einer der wenigen Plattformen, die nicht an der Küste errichtet wurden. Hier stehen 7 fast gleich große Moais, jeder ca. 4 Meter hoch und bis zu 16 Tonnen schwer. Vom Rano Raraku, ihrem "Geburtsort' im Steinbruch mussten sie fast 15 Kilometer hierher transportiert werden. 1960 wurde die Anlage durch den amerikanischen Archäologen William Mulloy und seinen chilenischen Kollegen Gonzalo Figueroa García-Huidobro restauriert.Es wird viel über die Richtung geredet, in die die Moais schauen, und in der Tat scheinen diese auf das Meer und nicht in Richtung ihres Volkes zu blicken, wie es üblich war. Die Plattform steht drei Kilometer vom Meer entfernt und in ihrer Blickrichtung befinden sich Überreste einer Siedlung. Also haben diese Moais wahrscheinlich gleichermaßen ihr Volk und das Meer im Blick gehabt. Ich beende an dieser Stelle die Beschreibung weiterer Moai-Plattformen, weil es mich zeitlich und gedanklich zu stark beansprucht. Allein die Namen weiterer sehenswerter Anlagen seien hier der Vollständigkeit halber noch erwähnt: Puna Pau, Vinapu und Tahai.

Hanga Roa
Chile
Rainer Small

60./ 61. Tag

1. Februar / 2. Februar

Chile

Rapa Nui

Langohren und Kurzohren

Ich werde meine Erlebnisse auf Rapa Nui jeweils in Zwei-Tages-Blogs zusammenfassen, einesteils wegen der schlechten Internetverbindung und andererseits weil ich nicht mehr trennscharf zwischen den gebuchten Exkursionen, dem täglichen Kulturprogramm und den persönlichen Erlebnissen unterscheiden kann. Die Erlebnisse sind zu intensiv, und die Nachtruhe ist zu kurz.

Der erste Moai (so heißen die Steinstatuen auf Rapa Nui), dem ich begegne, steht alleine am Eingang der größten Kultstätte der Moais, Tongariki. Er ist auf einem Frachtschiff der Marine bereits bis nach Tokio und Osaka gebracht worden, um das japanische Interesse an der Insel deutlich zu machen. Japanische Baukonzerne haben große Summen investiert in die Restauration der Moais. Alle Moais, so wie wir sie kennen, waren umgestürzt und mussten mit Baukranen aufgerichtet werden. Der „reisende Moai“, wie er genannt wird, stimmt ein auf einen Superlativ der Weltkunst. Auf einer endlos scheinenden Länge von 220 Metern stehen 15 kolossale Moais. Der erste Eindruck und die Dimension dieser zeremoniellen Plattform lässt sich nicht in Worte ausdrücken. Ich habe es mir dies alles niedlicher vorgestellt, eher auf Augenhöhe. Über 900 Jahre hinweg ist diese Anlage immer wieder verändert und erweitert worden. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass hier möglicherweise bis zu 33 Moais auf verschiedenen Plattformen gestanden haben. Die Anlage, wie sie sie hier mit 15 Moais aufgebaut ist, existiert seit dem 17. Jahrhundert. Sie wurden etwa um 1680 im Zuge kriegerischer Konflikte zwischen den beiden Parteien, den auf der Insel lebenden  "Langohren" und den später zugewanderte "Kurzohren", umgeworfen. Dabei wurden die früheren Siedler fast völling ausgelöscht. Ein Tsunami am 23. Mai 1960 gab ihr den Rest. Er riß die Anlage komplett auseinander, seine Kraft spülte die tonnenschweren schweren Figuren ins Inselinnere.

Gefertigt wurden die Moais in Steinbrüchen weit entfernt von ihren Aufstellorten. Der größte jemals gefertigte, aber unvollendet gebliebene Moai liegt in einem Steinbruch, in dem 397 weitere Moais liegen sollen, tief unter der Erde. Er ist 22 Meter lang und wiegt 80 Tonnen. Eines der Geheimnisse, das sie weiterhin umgibt, ist die Frage des Transports. Die ältesten Maois mit einer Höhe von drei Metern konnten durch Hin- und Herruckeln mit Seilen fortgewegt werden. Aber der religiöse Gigantismus verlangte nach immer größeren Moais, und die waren nur noch schwer zu bewegen auf unebenen Strecken von bis 20 Kilometern. Ohne Baumstämme ging gar nichts, und Räder gab es ebensowenig wie Zugtiere. Irgandwann waren die natürlichen Ressourcen erschöpft. Die Vegetation litt Not und die ursprünglichen Wälder verschwanden. Das wenige Holz, was noch bliebt, musste für den Bootsbau und den Fischfang verwandt werden. Es dürfte nicht unrichtig sein, anzunehmen, dass die Inselbewohner großen Hunger litten, was zu Kannibalismus führte. Es kam zu Verteilungskämpfen, Stammeskriegen und religiösen Auseinandersetzungen, was dann letztlich dazu führte, dass alle Moais umgestürzt wurden. Die Insel geriet in Vergessenheit, bis sie an einem Ostermontag im Jahr 1722 von dem holländischen Kapitän Roggeveen wiederentdeckt wurde. Damals sollen noch 4000 Menschen hier gelebt haben. Die Holländer plünderten die Insel aus. Später entführten Peruaner über 900 Insulaner als Sklaven. Einige kehrten zurück und schleppten tödliche Pocken ein. Dem letzten Rest an eigener Tradition machten dann die Missionare mit ihrer Christianierung zunichte. Kurzum: Nur noch 111 Menschen überlebten um 1877 auf Rapa Nui, die sich nunmehr mehr denn je ihrer polynesischen Wurzeln besannen. Dazu dient dann auch ein Festival wie das Tapati 2017.

Wie alle Südsee-Inseln besitzt Rapa Nui auch Strände, deren schönster findet sich in der Bucht von Anakena. Hier erwartet den Besucher ein weißer Sandstrand, perfekt zum Sonnen, Baden oder auch zum Tauchen. Der Anakena Strand wird umrahmt von einem schönen Kokospalmenwald. Ganz in der Nähe befinden sich zwei sehenswerte Moai-Plattformen: Die eine hat sieben Figuren, vier davon tragen Hüte, sogenannte "Pukaos". Die Anlage ist ca. 60 Meter lang und zwölf Meter breit. Sie wurde 1978 restauriert. Die andere Anlage schmückt nur ein einzelner Moai, der ist sechs Meter hoch und geschätzte 30 Tonnen schwer. Das Verhältnis von Grünflächen und Sandbunkern oberhalb des Strandes erinnert mich einen Golfplatz.

Rapa Nui sei die isolierteste bewohnte Insel der Welt, sagt man und liest man. 2.086 Kilometer trennen die Insel von ihrem nächsten Nachbarn, der Insel Pitcairn, die von 50 Menschen bevölkert ist, alles Piratenkinder von Meuterern der HMS Bounty von 1789. Noch abgelegener allerdings ist Tristan da Cunha mit 270 Einwohnern, die von ihrem nächsten Nachbarn, St. Helena, 2.430 Kilometer entfernt liegt. Isoliert und abgelegen fühlte ich mich auf Rapa Nui nie. Durch den  Flughafen Matavere ist die Insel gut verbunden, in Richtung Polynesien nach Tahiti, zum chilenischen Festland hin und nach Peru und Japan. Zu wenige Autos gibt es auf Rapa Nui allerdings nicht. Das Schicksal, einem Verkehrskollaps zu erliegen, teilt Rapa Nui mit zahlreichen kleineren Inseln zwischen Bali und der Karibik. Das Auto ist ein wichtiges Statussymbol, und wer darauf verzichtet, gilt als arm.

Katholische Mönche haben neben ihrem Glauben auch die Pferde nach Rapa Nui gebracht, die sich unkontrolliert vermehrt haben. Derzeit zählen sie mehr als 3.000 Stück. Herrenlos sind sie nicht, denn sie tragen Brandzeichen. Sie können sich frei bewegen, die ganze Insel ist ihr zu Hause. Nur wenige sind zahm und können geritten werden. Im Gegensatz zu den Besuchern, die gehalten sind, die Wege nicht zu verlassen, trampeln die Pferde auch über geschützten Grund und weiden überall auf der sehr grünen Insel. Als Nahrung selbst dienen sie nicht.


Hanga Roa
Chile
Rainer Small

59. Tag

31. Jan.

Chile

Osterinsel (Rapa Nui)

Oh, Rapa Nui

Nach einem reinen Nachtflug von knapp fünf Stunden von Tahiti auf die Osterinsel (die ich künftig nur noch Rapa Nui nennen möchte) und einer langen Blockade am Gepäckband am Airport bin ich schließlich am östlichen Ende der Südsee gelandet und damit auf der isoliertesten bewohnten Insel unseres Planeten. Was mich erwartet, keine Ahnung? Doch ich darf die Antwort darauf gleich geben: nur das beste und unerwarteste. Meine Gastgeberin holt mich am Airport ab und eröffnet mir sogleich, dass ich unglaubliches Glück habe, denn genau in diesen 14 Tagen (ich bin nur fünf Tage auf der Insel) findet Anfang Februar das größte alljährliche Kultur-Festival, Tapati 2017, statt, das es bereits seit 40 Jahren gibt. Kurzum: die Insel brummt und ich kann dabei sein. Während der Fahrt zu ihrem Mini-Hotel (Tea Nui mit Namen) macht sie mich mit den Örtlichkeiten des Hauptortes, Hangaroa, bekannt, gibt Restaurant-Tipps und benennt die Orte der Veranstaltungen. Unterwegs noch kaufe ich mir das zentrale Eintrittsticket  für den Nationalpark, ohne dieses kommt man nicht zu den archäologischen Stätten, das heißt zu den Orten mit den großen Statuen, Moais, und erfährt nichts über die Vergangenheit der Insel. Dass Rapa Nui neben einer sehr eigenen polynesischen Sprache auch eine ausgeprägte Musik- und Tanzkultur besitzt, das erfahre ich erst im Laufe meines Ankunftstages, weil ich mich alsbald auf den Weg mache, um mich zu orientieren und ein wenig von der Insel zu begreifen, die mir noch komplett fremd ist. Ich habe zudem kein einheimisches, d.h. chilenisches Geld und es gibt auf der gesamten Insel nur zwei Geldautomaten. Ich laufe einfach los, der Nase nach, wie es meine Art ist, und zuerst in Richtung Küste.und stelle fest: verdammt viel Verkehr hier bei einer Inselgröße von: 26 Kilometer in der Länge und 14 Kilometer in der Breite, die jeweils äußersten  Punkte liegen auf Vulkanresten. Ich gehe an einem Freibad, das mit einer Steinmauer vom Meer abgetrennt ist, vorbei mit plantschenden Kindern und Hunden. Bald komme ich an eine Marktbuden-Straße, in der viel Kunsthandwerk angeboten wird. Ich vergesse zu erwähnen, dass Rapa Nui touristisch und souvenirtechnisch gut erschlossen ist. Ich habe es immer für eine zerklüftete und abgeschottete Insel gehalten, die nur widerwillig ihre Zugehörigkeit zu Chile akzeptiert.

Es gibt einen Fischereihafen mit Booten, Surfern und Paddlern. In meiner Laiensicht begreife, dass die Brandung, die der Pazifik hier anliefert, ideal für Wassersportler ist. Anscheinend finden sie die besten Wellen bei Sonnenuntergang. Wenn ich mich nicht täusche, sind es Südseeinsulaner gewesen, die das Wellenreiten überhaupt erfunden haben. Zwei Kinder toben Hand in Hand umher, eines im Bayern München-, eines im BVB-Trikot. Alles ist fremd und vertraut zugleich, Tauchcenter, Restaurants, eine Konditorei. Auch auf Rapa Nui bewege ich mich in dem großen Fluss des Welttourismus, ich kann es nicht anders ausdrücken, der mir auch auch an den entferntesten Punkten Sicherheit bietet und Ängstlichkeit nimmt.

Die Markstände sind Teil des Tapati 2017, alle Tanz- und Singereignisse finden auf einer großen Hauptbühne, Hanga Vare Vare genannt, statt. Den Hintergrund bilden die Karikaturen oder Porträts bedeutender Verstorbener, deren Angedenken man pflegen, deren Erbe man ehren möchte. In diesem Sinn steht auch das gesamte 14-tägige Festival: das Erbe wahren, die Alten ehren, die Tradition pflegen. Die Bühne ist eine große Rasenfläche, die mit exzellenter akustischer Technik gegenüber dem Geräuschpegel von Wind und Wellen ausgestattet ist. Auf einer Videowand wird alles dargeboten, was man im Detail nicht sieht. Zur Generalprobe für das Abendprogramm, das zur Dämmerstunde nach 22:00 beginnt, stehen junge Mädchen auf der Bühne und tanzen zu einer akkordeondominierten treibenden Perkussionsmusik in harmonischen Bewegungen mit einer Weichheit und einem Fließen, wie ich es noch nie gesehen habe. Tanz und Gesang haben sich auf Rapa Nui zu einer eigenständigen Ausdrucksform entwickelt, eine große Fülle von traditionellem Liedern hat sich erhalten. Einzig den Refrain "Oh, Rapa Nui" erkenne ich wieder. Die Choreographie der Generalprobe ist präzise, alle Bewegungen scheinen aus einen unerschütterlich sicheren Harmonie- und Rhythmusgefühl zu rühren. Noch verfeinerter und perfekter läuft der Abendauftritt im Kostüm vor Publikum ab. Ich kann meinen Blick nicht abwenden vor solch emotionaler Geschmeidigkeit in den Bewegungen. Auf der Bühne sind mindestens 120 Tänzerinnen ständig unterwegs. Die musikalische Begleitung unterbricht nicht einen Moment: Im eng bestuhlten und komplett besetzten Auditorium sitzen mindestens 2.000 Zuschauer. Ich schätze mich glücklich, an diesem, meinem ersten Abend auf Rapa Nui, einer von ihnen sein zu dürfen.


Hanga Roa
Chile
Rainer Small

58. Tag

30. Jan.

Bora Bora / Tahiti

Rangliste

Nachdem ich jetzt länger als acht Wochen unterwegs bin, erlaube ich mir an dieser Stelle einmal eine persönliche Rangliste der spannendsten Orte der bisherigen Reise (in Englisch)


Most attraktive city (all aspects): Cape Town (South Africa)

Most attraktive city to spend the rest of my lifetime: Sydney (Australia)

Most suspenseful city (because of earthquake): Christchurch (New Zealand)

Ugliest city: Papeete on Tahiti (French Polynesia)

First and only city I like to leave after three days: Gold Coast Surfers Paradisae (Australia)

Most thrilling architectonical spots:
Sky100 with observation desk in 393 m (Hong Kong)
Singapore Flyer (165 m)
Sydney Opera House

Best art gallery and museum: Queensland Art Gallery & Gallery of Modern Art (QAGOMA) Brisbane (Australia)

Most friendly people:
New Zealand
Most friendly airline: Air New Zealand

Most exciting natural places:
Fraser Island (Australia)
Wai-O-Tapo Thermal Wonderland and Waimangu Vulcanic Park (New Zealand)
Table Mountain (Cape Town)

Best activity: Snorkeling in the lagoon of Bora Bora (French Polynesia)

Most outstanding island for return: Huahine (French Polynesia)


Best public beach (probably best beach in the world?): Matira Beach in Bora Bora (French Polynesia))

Bilder vom Matira Strand sind hiermit nachgereicht, acht Minuten Gehentfernung von meinem Hotel


Vaitāpē
Îles Sous-le-Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

57. Tag

29. Jan.

Französisch-Polynesien

Bora Bora

Mit dem Fahrrad um die Insel

Als Hotel ist das Maitai Polynesia ein Selbstläufer. Das Frühstück ist die Wiederkehr des Immergleichen: Rührei-Pampe. panierte Karoffelrösti, Hühnchen-Rostbratwürste, Toastbrot als Unterlage für diverse  Marmeladen in französischen Gläsern, darunter auch eine lokale Kokosnuss-Marmelade und die überzuckerten Blätterteig-Kuchen, die unter dem Namen „Danish“ auf allen Frühstücksbüffets der Welt Karriere gemacht machen. Es gibt auch eine kleine japanische Frühstücksabteilung, die wenig Sinn macht, weil keine Japaner hier sind. Und ein wenig frisches Obst: Pampelmusen, Melone, Äpfel (einer davon für die Mitnahme in der Hosentasche) und Fruchtjoghurt im Becher. Nach dem Frühstück wende ich mich Wichtigerem zu, der Inselumrundung mit dem Fahrrad. Dieses gibt es beim Avis-Autoverleiher in dreihundert Metern.

32 Kilometer führt der Weg über die Küstenstraße, im Uhrzeigersinn, verfahren unmöglich. Von Schwierigkeiten lese und höre ich nichts, und der heutige Sonntag ist ein idealer Tag fürs Radfahren, weil es keine Müllfahrzeuge gibt, aber auch alle Geschäfte geschlossen haben. Die Strecke selbst ist leicht hügelig, aber nicht sonderlich aufregend, wenn man den allgegenwärtigen Meerblick zur Linken einmal beiseite lässt. Fast alle Inselbewohner, die nicht in der Inselhauptstadt Vaitape leben, haben sich in ihren kleinen Hütten und Bungalows zurückgezogen und überlassen die Straße ihren Hunden. Bora Bora aus dieser Perspektive ist eine sehr alltägliche Insel, das heißt es ist schlichtweg nichts los, keine Gastronomie, die zu irgendetwas einlädt, keine Sitzgelegenheit mit Panoramablick, keine Erfrischung an einem Sonntag, Uhrzeit 11:30. Auf der gesamten Strecke sehe ich einen öffentlichen Getränkeautomaten, ob der funktioniert, weiß ich nicht. Einheimische sind ebenfalls auf Rädern unterwegs, einige Touristen auch. Evangelische Kirchen nehme ichauch wahr, aber keinerlei religiöse Aktivitäten.

Moorea, so lese ich und das ist auch meine Meinung, ist die schönere Insel. Dort gibt es für die Menschen mehr an Grundversorgung, wie Pharmazie, Arztpraxen, kleine Marktstände an der Straße, aber auch Schulen, Fabriken für Fruchtsäfte und Speiseeis und einen großen Hafen. Nichts von dem auf Bora Bora, soweit ich es wahrnehme. Es gibt Anlegestationen für kleine Schiffe ohne Ladeverkehr. Ich umrunde die beiden Gipfel Bora Boras, den Mt. Otemanu (727 Meter hoch) und den Mount Pahia (661 Meter hoch). Hier gibt es einen Wanderweg zu zwei der amerikanischen Weltkriegskanonen, aber ohne Führer findet man die nicht. Ich lasse es bleiben, weil ich mit diesem Thema bereits abgeschlossen habe. Zwei kräftige Anstiege hat die Strecke. Sie zwingen mich das Rad, das von einfacher, aber stabiler Bauart ist, zu schieben, was sehr schweißtreibend ist. Mein Wasservorrat reicht bis zum Ende der Inselrunde nach 2,5 Stunden. Ein wenig bin ich stolz auf mich, dass ich diese Unternehmung durchgeführt habe. Auch ohne Helm ist nichts Bedrohliches passiert, bis auf eine Attacke bellender Hunde, die aber schnell zurückgepfiffen wurden. Bei Ankunft ist mein Durst riesengroß. Im Supermarkt, wo übrigens die alkoholischen Getränke sonntags weggesperrt sind, genehmige ich mir zur Belohnung einen Banane-Vanille-Saft und ein Kokos-Wasser, beides in verschließbaren Ein-Liter-Verpackungen und ohne Zuckerbeigabe.

Am morgigen Montag geht mein Transfer um 16:40 vom Hotel zum Fährhafen der Inselhauptstadt Vaitape, dann mit dem Schiff zum Flughafen auf der Insel Motu Mute, von dort zum Rückflug nach Papeete um 18:25, Ankunft: 19;10, dann um 2:30 morgens auf die Osterinsel. Damit ist mein Aufenthalt in Französisch Polynesien nach 15 Tagen beendet.

Rainer Small

56. Tag

28. Jan.

Bora Bora

Reich und Arm

Heute ist der 56. Tag und damit auch der 56. Tagesblog meiner auf 112 Tage anberaumten Reise, die Hälfte ist also um. Es sind acht Wochen vergangen, und ich bin auf der Insel Bora Bora im südlichen Pazifik. Eigentlich die Trauminsel der westlichen Welt. Was immer man liest und hört, Bora Bora ist Luxus pur, das Meer, der Strand, der Himmel. Die Lagune von Bora Bora ist unbeschreiblich, sie wird als das Paradies auf Erden beschrieben, das Wasser leuchtet in Edelsteinfarben, türkis, aquamarin, ultramarin. Der Strand ist wie weißer Puderzucker. Man kann Stunden verbringen, dem Meer in seinem Farbenspiel zuzuschauen und sich dabei dem süßen Nichtstun hinzugeben. Alles andere wäre nicht angemessen. Dazu laden in besonderem Maße die Luxushotels, besser noch: die Luxus Hideaways, auf verschwiegenen Inseln, Motus genannt, ein. Diese gruppieren sich wie Perlen an einer Kette um die Hauptinsel. Bungalows auf Stelzen   sind das Höchste, was man sich an Lebens- und Urlaubsqualität vorstellen kann. Dafür nehmen Resorts wie das St. Regis oder das Four Seasons Tagespreise, die an 2.000 Euro heranreichen. Soviel Privatheit hat ihren Preis, Frühstück nicht inbegriffen.
Doch das Meer hat auch eine Landseite, mit der ich in meinem bescheiden eingerichteten Drei-Sterne-Hotel (zum Beispiel hat der Duschkopf keine Halterung, was sehr unpraktisch ist) eher Bekanntschaft mache. Ich residiere nicht in Luxus, doch das Meer und der Himmel sind ebenfalls fünfsternig. Bora Bora hat eine Umgehungsstraße, über die der gesamte Verkehr fließt. Nebenstraßen gibt es nur als Hotelzufahrten. Das Inselinnere ist gebirgig, tiefgrün und unerschlossen. Mehrfach täglich gehe ich die Straße entlang in Richtung zweier Supermärkte, links in Richtung des Sofitel Hotels, rechts in Richtung des InterContinental (Tageskurs: 667 Euro), das noch eine gehobenere Dependance auf einem kleinen Atoll hat. Großes Shopping Potential bieten allein die Perlengeschäfte, schwarze Perlen gelten als die Schmuckeleganz schlechthin. Doch was ich links und rechts der Straße sehe, hat wenig Weltniveau. Kleine Friedhöfe von Elektroschrott, Autowracks, unbrauchbar gewordene Boote, aufgetürmter Biomüll, Strände mit den angeschwemmten Hinterlassenschaften des Türkis-Meeres und dazu die langsam zuwachsende und zerfallende Hotelruine eines Club Med, der seinen Betrieb hier vor acht Jahren eingestellt hat. Das Paradies hat seine Schattenseiten, aber ich möchte keine Illusion zerstören. Die Polynesier machen nicht den Eindruck, als wollten sie ihre Lebensverhältnisse grundlegend bessern. Oder sagen wir es im Grundton des Kompromisses: Die Folgen der Weltwirtschaftskrise sind noch nicht überwunden, und die Zentralmacht Frankreich, die vieles regeln könnte, ist 15.000 Kilometer entfernt. Ich muss zugeben, ich bekomme den Luxus-Anspruch des Tourismus und die Einfachheit des Alltags nicht übereinander. Nicht alle Polynesier sind gutverdienende Hotelangestellte. Es macht mir Kopfzerbrechen, wie weit hier die Schere zwischen arm und reich auseinandergeht. So übe ich mich weiterhin darin, das Zusammenspiel von Sand, Wasser und Himmel fotografisch in allen Schichtungen des Horizonts festzuhalten.

Vaitāpē
Îles Sous-le-Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

55. Tag

27. Jan.

Französisch Polynesien

Bora Bora

Schnorcheln mit Haifischen

Heute ist Warmbadetag. Zu einer fast vierstündigen Tour werde ich mit dem Boot abgeholt. Neben drei weiteren Paaren bin ich der einzige Einzelreisende, was aber gar nicht stört. Alle haben sie Schorchelgerät mit, zumindest Masken. Aber der Bootsführer Fabian hat an alles gedacht. Die Ausrüstung, die ich erhalte, Maske und Schwimmflossen, passt problemlos. Das Boot dreht schnell auf Hochgeschwindigkeit, so kommt man in flachem Wasser besser voran, erklärt Fabian. Ich glaube, auf dem Bootstachometer stehen 50 Stundenkilometer. An drei Stellen werden wir ins Wasser gelassen, ohne nennenswerten Fehlversuch beherrsche ich die Atemtechnik und den Flossenschlag. Am besten komme ich klar, wenn ich das Gesicht bis über die  Stirn eintauche. Das Abenteuer Schnorcheln vor Bora Bora in der vielleicht schönsten Lagune der Welt kann beginnen. Das Wasser ist dunstig, was am Mangel an Ozon liegt. Meine Mitschnorchler wollen in Distanz einen Zweimeter-Manta-Rochen gesehen haben. Als Spätmerker habe ich gar nicht erst hingeguckt. Dafür aber zwei niedliche kleine Haie mit schwarzen Flossen- und Schwanzspitzen gesehen, gut einen Meter lang, die mich komplett ignorieren. Der zweite Schnorchelposten ist wesentlich tiefer. Nahezu reglos kann man sich ikm klaren Wasser treiben lassen und viele Details der Unterwasserwelt erkennen. Die Artenvielfalt der Fische in kaum einem Meter Entfernung  ist unglaublich. Die meisten Fische sind mit Futtersuche beschäftigt. Ich kann mich nicht sattsehen. Die dritte Stelle ist ein flaches Wasser, ein Korallengarten. Zugegeben Korallen habe ich mir rot vorgestellt, doch alle, die ich sehe sind eher zementfarben und dort, wo etwas wächst, blühen sie tiefblau. Farbenfrohe Fischschwärme umkreisen mein Gesicht, ich spüre ein Zwicken an der Lippe. Hat mich da etwa ein Fisch geküsst? Ich sehe immer mehr Einzelheiten, sehe, wie sich die Fische in Verstecke zurückziehen. Ich kann gar nicht abschätzen, wie lange so ein Schnorchelgang dauert, denn ich verliere das Zeitgefühl. Alles ist neu für mich. Ich weiß, wie Seeanemonen, Clowns- und Zebrafische aussehen. Aber es müssen Hunderte von verschiedenen  Arten sein, die hier die Südsee bevölkern und eigentlich keine Feinde haben. Ein Bilderbuch zur Fischbestimmung muss her, denn jeder Fisch hat ja auch einen Namen. Ich werde versuchen, künftige Reiseziehe auch im Hinblick auf Schnorchelmöglichkeiten auszusuchen. Aber so badewannenwarm wie hier wird es woanders wohl kaum sein. Doch ich korrigiere mich, in Thailand war es ähnlich. Dort habe ich vor sechs Jahren das letzte Mal geschnorchelt. Natürlich ein Tauchgang unter Wasser unter Atemluft ist ungleich spektakulärer, doch dazu sind mir Vorbereitung und Aufwand zu groß.

Doch bei aller Lust am Schnorcheln habe ich auch einen Feind ausgemacht: die Kraft der pazifischen Sonne. Geschwommen bin ich mit T-Shirt und kurzer Badehose, habe aber nicht bedacht, dass die nicht eingecremte Rückseite meiner Oberschenkel schutzlos der Sonne ausgesetzt ist. Das frischverheiratete chinesische Pärchen hat sogar eine Ganzkörperbadehose angezogen und darüber eine Schwimmweste. Soweit habe ich nicht gedacht. Folge: ein polynesischer Sonnenbrand unter dem Allerwertesten. Mit knielanger Badehose wäre das nicht passiert. Eine solche habe ich sogar dabei, nur leider in meinem Reisegepäck im Hotelzimmer vergessen. Ich denke, ich werde einen kleinen Hilferuf zu meiner Frau aussenden, dass sie mir bei unserem Treffen eine Schnorchelbadehose mitbringen soll.

Vaitāpē
Îles Sous-le-Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

54. Tag

26. Jan.

Französisch Polynesien

Bora Bora

Die Kanonen von Bora  Bora

Eine militärgeschichtliche Abschweifung sei dieser Stelle gestattet.
Auf der kleinen Insel Motu Mute im Norden verfügt Bora Bora über einen komfortablen Start- und Landestreifen für größere Flugzeuge. Hier war der einzige internationale Flughafen Französisch Polynesiens beheimatet, bevor 1960 auf Tahiti der Faa'a International Airport eröffnete. Für all das sind die Amerikaner verantwortlich.  Dass Bora Bora für eine kurze Zeit kriegswichtig war, das liegt an dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbour in Hawaii am 7. Dezember 1941 und dem Kriegseintritt der USA. Die Amerikaner mussten ihre Pazifik-Front stärken und machten dazu Bora Bora zu einer wichtigen Versorgungs- und Nachschubbasis für ihre Truppen. In Wahrheit ist hier nie ein Schuss gefallen, weil sich die Pazifik-Front schnell in Richtung Philippinen weiterbewegte. Unter dem Codenamen „Operation Bobcat“ („Bob“ ist noch heute das Flughafenkürzel von Bora Bora) landeten hier mehr als 4.500 Soldaten. Allein das Entladen der mitgeführten Ausrüstung von 20.000 Tonnen Material mit Auslegerbooten soll 52 Tage gedauert haben. Die Fliegerbasis auf Motu Mute, auf der heute die Flüge der Air Tahiti landen, war ursprünglich für Kampfflugzeuge gebaut, doch gelandet sind hier nur Transport- und Postflugzeuge. Kriegerische Handlungen haben nie stattgefunden. Hinterlassen haben die Amerikaner eine bis heute intakte Infrastruktur, sie haben Straßen gebaut, eine Basis für Wasserflugzeuge und Tanklager errichtet. Strategisch wichtige Bereiche wurden mit Flugabwehrkanonen gesichert. Und genau um diese geht es jetzt, denn acht dieser verrosteten Kanonen stehen noch, gut versteckt an abgelegenen Orten auf der Insel. Es soll geführte Touren zu den Standorten der Kanonen geben. Mich hat die Geschichte der vierjährigen Anwesenheit der Amerikaner auf Bora Bora gereizt. Die Bilder der Kanonen in diesem Tages-Beitrag habe ich ungefragt dem Internet entnommen. Falls ich damit Urheberrechte verletzt haben soll, bedauere ich das sehr. Aber die Geschichte scheint es mir wert. Alles in allem haben sich die Amerikaner in Französisch-Polynesien sehr beliebt gemacht und schnell Freundschaft mit den Frauen geschlossen. Was sie hinterlassen haben, das hat sich im Nachhinein als Glücksfall für die Insel erwiesen und sehr zum internationalen Ansehen und zum Mythos eines paradieshaften Ortes beigetragen.

Rainer Small

54. Tag

26. Jan.

Französisch Polynesien

Bora Bora

In Vaitape

Mit meiner Schnorchelei wird es heute nichts. Dazu muss ich eine Lagunentour buchen. Das habe ich für morgen getan (Abholung 8:15). Dafür steht heute eine Fahrt nach Vaitape, der Inselhauptstadt, auf dem Programm. Vaitape ist ein gesichtsloser Ort. Zu 80 Prozent Perlengeschäfte, der Rest Souvenirläden und ein Lebensmittelmarkt, wo ich mich noch einmal vergewissere, dass Gerolsteiner auch bis Bora Bora vorgedrungen.ist. Ein anderes mir vertrautes deutsches Getränk finde ich hier ebenfalls: Granini. Den bereits erwähnten Wein aus Tahiti gibt es auch hier. Hinzu kommen ein Polizeiposten, ein Postamt und eine evangelische Kirche.

Ansonsten ein ruhiger Tag, ich suche mir einen Liegestuhl am Strand und bleibe ungestört. Ich grübele nach über das Wesen der Polynesier. Ein lustiges Völkchen sind sie in meinen Augen nicht. Leibesfülle und Inaktivität führen gewiss zu einer Art von Gleichmut den Dingen der Welt gegenüber. Ich verstehe zu wenig Französisch, um etwas von den Feinheiten ihrer Gespräche mitzubekommen. Auch kann mir der Akzent nichts über die Herkunft der knapp 10.000 Inselbewohner verraten. Ich bemerke nur, dass die Frauen im öffentlichen Leben das Wort führen. Ich glaube, die Polynesier sind eine matriarchalisch strukturierte Gesellschaft. Übrigens wird in Polynesien Petanque, die französische Variante des italienischen Boccia, gerne gespielt. In meinem Hotrel stehen etliche Pokale für das beste Hotelteam in dieser Disziplin, für die es meines Erachtens nicht allzuviel körperliche Fitness braucht. Zum Abendessen im Restaurant am Strand lasse ich mir den Fisch des Tages empfehlen. Es ist der Mahi Mahi, die pazifischen Golddorade, abermals ein Genuss, einen delikateren Fisch kann ich mir zur Zeit nicht vorstellen.

Vaitāpē
Îles Sous-le-Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

53. Tag

25. Jan.

Französisch Polynesien

Huahine / Bora Bora

Regenbogen im Wasser

Bei der Verabschiedung von meinem Hotel auf der Insel Huahine sage ich zu der Rezeptionistin, dass ich gerne mit meiner Frau wiederkommen möchte. Sie lächelt mich an und sagt: „Wenn Sie nach Bora Bora fliegen, schauen Sie, dass Sie einen Platz auf der linken Seite des Flugzeuges bekommen, dort ist die Sicht schöner.“ Zuerst geht der Flug nach Raiateia. Dort muss ich mein Gepäck umladen und neu einchecken. Die Maschine kommt aus Papeete und ist gut besetzt, besonders auf der linken Fensterseite, keine Chance auf freie Sicht in dem 15-minütigen Flug nach Bora Bora. Ich weiß, was ich nicht sehe, das sind die Edelsteinfarben des Wassers: saphir, türkis und indigo. Aber schon der Flug zuvor nach Raiatea, bei dem ich am Fenster sitze, ist berauschend schön gewesen. Es ist, als ob das Wasser einen Regenbogen reflektiert, den es am Himmel nicht gibt.

Der Flughafen  Bora Bora liegt auf der Insel Motu Mute. Hier sammele ich mein Gepäck ein und steige in ein Schiff, das mich nach Vaitape, den Hauptort der Insel bringt. Von hier verkehren die Zubringerbusse zu den Hotels. Vom Schiff aus sehe ich den Südsee-Luxusliner M.S. Paul Gauguin Kurs auf ein Südsee-Kreuzfahrtziel nehmen. Auf Schiffshöhe hat das Wasser einiges von seiner Farbenmagie verloren. Bora Bora hat 9.200 Einwohner. In der Inselhauptstadt Vaitape leben 4.600 Menschen. Die Insel ist 29.3 Quadratkiliometer groß, Moorea ist 4,5 mal größer und hat 16.200 Einwohner.

Wein aus Tahiti

Eine handvoll anderer Gäste und ich kommen viel zu früh im gebuchten Hotel Maitai Polynesia a uf Bora Boraan und müssen fast drei Stunden Wartezeit zwischen Strand und Rezeption verbringen. Ich habe mit einem kleinen Bungalow mit Gartenblick gerechnet und komme in einem zweigeschossigen Gebäude  mit Lotusteichblick unter. Auch schön und akzeptabel. Eine Straße trennt das Hotel mit  Wohnbereich, Bar und Frühstücksrestaurent vom Strand mit dem Überwasser-Bungalows und einem Strandrestaurant. Ich orientiere mich, wo sich der nächstgelegene Supermarkt für meinen Basisproviant befindet. Auch kein Problem. Unter den Spirituosen entdecke ich Wein aus Tahiti. Ja, den gibt es wirklich, und der soll gar nicht so schlecht sein, nur etwas süß, weil er zu viel Sonne abbekommt. 1992 hat sich ein französischer  Winzer auf der Insel Rangiroa niedergelassen und das Weingut „Dominique Auroy Estate“ begründet. Er steht damit in der Tradition von Mönchen, die bereits vor einigen hundert Jahren Weinreben auf die Insel gebracht haben. Für den nächsten Tag beschließe ich, mir eine Schnorchelausrüstung vom Hotel zu leihen.

P.S.: Der Sänger Tony Marshall wurde am 16. Februar 2008 zum Ehrenbürger von Bora Bora ernannt. Er hatte mit dem gleichnamigen Lied 1978 einen Hitparadenerfolg und machte dadurch die Insel in Deutschland bekannt. Die Einwohner sind deshalb auf ihn zugekommen und haben ihm zum 30. Jubiläum des Liedes die Ehrenbürgerschaft angeboten. Aber das will sicherlich niemand wissen.

Vaitāpē
Îles Sous-le-Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

52. Tag

24. Jan.

Französisch Polynesien

Huahine

Mahi Mahi, die pazifische Golddorade

Nach dem Weltuntergangsregen der vergangenen Nacht zeigt sich die Insel Huahine heute wieder von ihrer Sonnenseite. Über die Hauptstraße - obwohl der Weg am Strand entlang schöner gewesen wäre, wie ich später feststelle – gehe ich zum Ort Faro, dem Zentrum der Insel. Dort gibt es einen Hafen mit Ladenbetrieb, Kisten mit Melonen werden rausgestellt, Jutesäcke mit Kokusnüssen stehen bereit zum Eingeladenwerden. Einige Markstände gibt es und eine mobile Pizzeria, auch ein Restaurant, das Yachtclub heißt, aber weder etwas mit Yacht noch mit Club zu tun hat. Ein guter Tag, um einmal Fisch essen zu gehen, beschließe ich für den Abend. Der Ort hat einen ziemlich großen Supermarkt, in dem ich das finde, was ich seit langem suche: ein Handwaschmittel für die tägliche Wäsche. Ich bin begeistert. Dass ich in diesem kleinen Ort auf dieser abgelegenen Insel endlich mein „Rei in der Tube“ bzw. ein französisches Produkt dieser Art  finden würde, damit hätte ich nicht gerechnet. Es gibt sogar zwei unterschiedliche Qualitäten. Ich greife zur Hausmarke „U Gel Express“. Das Weinregal in diesem Supermarkt misst 15 Meter, ausschließlich französische Weine. Bei den Mineralwassern bin ich erstaunt, dass ausgerechnet der Apfelspritzer von Gerolsteiner zu stattlichen Preisen in Französisch Polynesien erhältlich ist. Was mir aber auch schon auf Tahiti aufgefallen ist. Und das  sogar in der Originalabfüllung aus der Vulkaneifel.

Am Strand entlang gehe ich zurück bis zu der kleinen Bucht, die zu meiner Hotelanlage gehört. In meinem Zimmer veranstalte einen kleinen Waschtag in der Hoffnung, dass alles bis zum nächsten Tag, wenn es weiter geht nach Bora Bora, trocken ist. Das Klima hat eine euphorisierende Wirkung, 30 Grad rund um die Uhr mit leichtem Windgesäusel, gelegentlich ein warmer Regen. Das Wetter ist schwül und schweißtreibend, aber sehr gut erträglich. Nach acht und davon einigen stark verregneten Tagen in der Südsee gewöhne ich mich an die Wechselhaftigkeit und Wärme des Wetters. Das Zusammenspiel von Regen und Sonne schafft ein Mikroklima der besonderen Art. Das Wetter lädt zum Schwimmen ein, und was macht mehr Spaß, als in warmem Regen zu schwimmen. Langsam zieht sich die Sonne zurück. Ruderer holen ihre Boote ein, Kinder machen ungelenke erste Versuche mit Surfbrettern, ein Hund döst am Strand. Pünktlich zum Sonnenuntergang bin ich im Yachtclub und setze mich an einen von zwei Tischen im Freien. Der Fisch, den ich mir unter  den lokalen Spezialitäten aussuche, heißt Mahi Mahi und ist eine in dieser Region beheimatete Golddorade, komplett grätenfrei und von feinem frischen Geschmack, dazu ein tahitianisches Hinano Bier. Zum Nachtisch gibt es Kokosnuss-Eis.

Huahine
Îles Australes, Französisch-Polynesien
Rainer Small

51. Tag

23. Jan.

Französisch Polynesien

Moorea / Huahine

Mit dem Turboprop-Flieger durch den Südpazifik

Die Nach ist ruhig, alles deutet auf einem entspannten nächsten Tag hin. In dem Gartenbungalow, den ich für die letzte Nacht (ohne Extrakosten) bezogen habe, muss ich lediglich einen Kampf gegen eine große Kakerlake ausfechten, die sich im Badezimmer unbeobachtet gefühlt hat. Ich versuche ihr mit Dusche, Fön und Stockschirm beizukommen, aber sie ist mir entkommen und hat sich unter ein Beistellbett geflüchtet. So haben wir uns beide in unsere Ecken verkrochen und voneinander verabschiedet.

Dieser Morgen ist klischeehaft schön. Strand, Meer und Himmel über der Lagune verschmilzen zu einem weiß, türkis, azurfarbenen Lichtspieltheater. Südsee gemalt fürs Kalenderblatt. Dieser Tag kann nur gut werden und er tut es. Die Reiseagentur bestätigt meinen Flug nach Huahine für 17:35. Und ich habe noch ein sechstes Superfrühstück bekommen von Ludo und Marine, so heißt das sympathische kochende und bedienende Paar. Ich habe meine letzten Pazifik Francs zusammengekramt, die ich noch hatte, und bar bezahlt. Danach bin ich zum Geldautomaten im Ort gegangen und habe für 60 Euro 70 XPF Geld gezogen.
 
Wenn man Moorea umrundet, sind es 60 Kilometer, bis zum Hafen etwa 30 Minuten Fahrzeit. Die Fähre nach Papeete kommt leicht verspätet und der Shuttle-Bus, der mich zum Airport de Tahiti bringt, fährt zügig los. Mein "Air Tahiti Bora Bora Air Pass", den ich mir so gerne einrahmen wollte, ist ein blass gedrucktes E-Ticket, das überhaupt nichts hermacht. Auf dem Airport de Tahiti checke ich sogar 3,5 Std. vor der Abflugzeit ein, was nicht mein Plan, aber doch sehr beruhigend ist. Das Personal hat sich etwas geziert mit dem gewichtigen Gepäck, aber alles hat geklappt und das Gepäck ist auch vollzählig angekommen. 68 Plätze hat der Turboprop-Flieger der Air Tahiti, alle besetzt. Die meisten davon solche, die lieber einen Tag eher in diesem Fllugzeug gesessen hätten. Noch sehe ich die Reste der Überschwemmung auf den Grünflächen neben der Startbahn. Die Regenschirme bleiben geschlossen, der Flug geht fast pünktlich. 

Das Hotel Maitai Lapita Village auf Huahine besteht aus geräumigen Bungalows, die um einen See herum gebaut sind. Lapita ist die Kultur der ersten Bewohner, sie gelten als das Urvolk aller Polynesier. Ihrem kulturellen Erbe wird sogar in einem kleinen Museum innerhalb der Anlage Rechnung getragen. Den Zugangsweg. zu meinem Bungalow säumen einige große Krabben. Sie werden den heftigen Regen besonders geniessen, der kurz darauf ziemlich unvermittelt niedergeht. Ich fühle mich wohl in dieser tiefgrünen fernen Welt, es geht mir gut.

Huahine
Îles Australes, Französisch-Polynesien
Rainer Small

50. Tag

22. Jan.

Französisch Polynesien

Moorea

Es geht kein Flug nach nirgendwo

Another Day in Paradise - oder auch zwei

Nichts klappt. Ausgerechnet am 50. Tag meiner Reise bekomme ich ein Problem. Der Flughafen von Papeete steht unter Wasser und ist noch mindestens einen Tag für abgehende Flüge gesperrt, so teilt mir der lokale Verstalter per Telefon mit. Also: mein Flug nach Huahine fällt aus und damit das gesamte Tagesprogramm für heute, Sonntag, 22. Janurar, und wahrscheinlich auch für die nächsten Tage. Somit steht auch der weitere Ablauf in Französisch Polynesien auf der Kippe. Zwar kann ich heute noch mit der Fähre zurück nach Papeete, doch dort sind alle Hotels voll. Ich bleibe vorerst in der bescheidenen Herberge Moorea Beach Lodge und hänge rum, anders kann ich es nicht sagen. Ich kann nichts tun, keine Gastronomie, kein Internet im Zimmer, viel Regen und etwas Sonnenschein. Aber seien wir ehrlich. Wen in Deutschland interessiert schon das Wetter auf Tahiti? Auch die Website des Flighafens bestätigt: Alle ausgehenden Flüge sind annulliert.

Haapiti
Îles du Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

49. Tag

21. Jan.

Nichts zu melden

Auch am vierten Tag ist das Frühstück des externen Kochs eine kleine Offenbarung: Frisch gepresster Mangosaft, ein Omelett mit Schinken und Käse, dazu zwei Crepes, Fruchtsalat, Mus von Papaya und Banane, getoastetes Baguettebrötchen, kleine Schokolade- und Bananen-Biskuitkuchen, zwei Tassen Kaffee.

Langeweile ist das Warten darauf, dass nichts passiert. In diesem Sinne ist heute nicht viel passiert. Ich habe mich entspannt, gelesen, die Sonnenminuten  zwischen den Regenstunden auf dem Liegestuhl ausgenutzt. Ein Kayakfahrer paddelt vorbei, wir grüßen uns. Etwas geschwommen bin ich auch. Weiterhin bin ich einziger Gast dieser Anlage, in der schlichtweg nichts los ist. Den Ausgang zur Straße hin blockiert eine schwere metallene Schiebetüre, von außen gibt es keinen Hinweis darauf, dass hier eine Unterkunft ist. Der bewölkte Abendhimmel hat die untergehende Sonne erdrückt und kräftige Regenschauer hervorgeholt. Um nicht weiter zu langweilen, erkläre ich diesen Tagesblog für beendet.Einen Fernseher gibt es nicht.

Morgen ist ein Reisetag, Shuttle zum Hafenpier Moorea, Fähre nach Papeete Hafen, Shuttle zum Flughafen Papeete, Flug mit Air Tahiti auf die Insel Huahine, Abholung Airport Huahine zum Maitai La Pita Hotel in Fare, dem Hauptort auf der Insel. Dort bin ich drei Tage. Alles ist zeitlich recht eng getaktet. Ich bin gespannt, ob es genauso klappt.

Rainer Small

48. Tag

20. Jan.

Französisch Polynesien

Moorea

Hinano Tahiti Bier

Regen ist der Tagesbegleiter, doch der blaue Himmel setzt sich langsam durch. Dass der Hotelbetreiber, der übrigens Didier heißt, mit seinem Sohn den Strand harkt, werte ich als gutes Zeichen, nicht jedoch die Flucht vom Strand, als sich ein Wolkenbruch mit Grollen ankündigt. Ich mache einen Spaziergang längs der Straße in Richtung des InterContinental Resorts (etwa 30 Minuten), um mir einmal Bungalows auf Stelzen über Wasser anzuschauen, die natürlich auch Einstiegstreppen ins Wasser haben. Das Konzept ist überzeugend und ich trete dem Gedanken näher, mir einen solchen Bungalow über meinen Gartenteich errichten zu lassen. Von der Grundfläche könnte es knapp passen. Aber ich befürchte, ich bekomme dafür keine Baugenehmigung. So werde ich meinen Traum wohl begraben.

Auf ausdrücklichen Wunsch meiner Frau habe ich den mitgeführten Teddybär (er fliegt überall als blinder Passagier mit) aus der Versenkung meines Reisegepäcks befreit, um ihn für eine Fotosession in Szene zu setzen. Er hat es widerstandslos über sich ergehen lassen. Zum Abendessen bin ich in meinem Restaurant eingekehrt zu einer Pizza mit geräuchertem Lachs und einem lokalen Hinano Tahiti Bier. Die leibesfüllige Bedienung ist freundlich und aufmerksam. Meine Visa-Karte, mit der ich überall gute Erfahrungen gemacht habe, wird auch hier akzeptiert.

Haapiti
Îles du Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

47. Tag

19. Jan.

Französisch Polynesien

Moorea

Meteorologen kennen keine Wunder

Schweren Herzens habe ich mich darauf eingestellt, dass mein Südsee-Aufenthalt ins Wasser fällt. Mindestens bis zum Monatsende ist für Französisch Polynesien starker Regen angesagt. Das gilt also auch für meine weiteren Ziele, Huahine und Bora Bora. Meteorologen kennen keine Wunder, aber etwas Hoffnung habe ich doch, weil es minutenlang aufklart. Laut Wetterbericht ist in den vergangenen 30 Jahren an 27 Jahren an diesem Tag Regen gefallen. Also ist alles in der Norm, und dies sind die ersten Regentagen meiner Reise überhaupt.

Haapiti
Îles du Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

46. Tag

18. Jan.

Französisch Polynesien

Moorea

Regen beruhigt

Für die nächsten Tage ist Regen angesagt, etwa so lage, wie ich auf Moorea bin. Da ich ein Reiseblogger, aber kein Wetter-Blogger bin, erspare ich mir den Wetterbericht und melde mich wieder, wenn neue Aktivitäten rufen. Das können sein: Schwimmen, Schnorcheln, Kajakfahren, Radfahren oder Busfahren. Nichts von dem ist derzeit möglich. Das beruhigt und entspannt. Und ich kann Kekse knabbern vom Lebensmittelmarkt.

Haapiti
Îles du Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

45. Tag

17. Jan.

Französisch Polynesien

Papeete / Moorea

Südseetraum im Regen

Was heute geschehen ist: Das Südsee-Abenteuer kann beginnen. Auch am Morgen meines Abreisetages kann ich mich nicht mit Papeete anfreunden. Ich versorge mich noch mit einigen Fanzösischen Pazific Francs und einem Wrap von der Maxi-Boutique von Shell, bevor mein Transfer zum Fährhafen, der nur zehn Minuten entfernt liegt, losgeht. Dort zeigt der Fahrer auf ein rotes Schiff mit Namen Teravau. Das Gepäck wird mir sofort abgenommen und gemeinsam mit dem anderer Fahrgäste auf einen Transportwagen geworfen, ohne gefragt zu werden und ohne irgendeinen Beleg. Mit meinem Voucher stelle ich mich vor einem Ticketschalter an. Die Dame weiß anfangs nicht viel mit dem Papier anzufangen, aber dann bekomme ich mein Fährticket doch, das mir dann beim Einlass auf das Schiff sofort wieder abgenommen wird. Das Wetter ist regnerisch und wolkenverhangen. Die Fähre hat einen Fahrgastraum, ein offenes Seitendeck und ein Unterdeck für Fahrzeuge. An Bord vielleicht 70 Fahrgäste, die Hälfte davon, so schätze ich, Touristen. Ich lege meinen Rucksack auf einen der vielen freien Plätze im Innenraum und gehe aufs Seitendeck, um etwas Südseeluft zu schnuppern, doch die ist an diesem Vormittag stürmisch und feucht. Die Überfahrt dauert gut 30 Minuten. Bei der Ankunft auf Moorea knubbelt es sich chaotisch. Frachtgut wie Mehlsäcke und Reisegepäck, alles wird anscheinend wahllos nebeneinander gestapelt. Autos und Motorräder verlassen das Schiff. Es gibt zwei Sammeltransporte, einen für die Inselgäste, die nach ihren Unterkünften sortiert, einsteigen können, und einen für deren mit Namen versehenes Gepäck, der vorausfährt. Mein Gepäck wird zuhinterst eingestellt. Aus dem einfachen Grund, weil zuerst die großen Hotels wie Sofitel, Hilton, InterContinental angefahren werden. Und – oh Wunder - am Ende der Fahrt, als alle Gäste und Gepäckstücke bereits an ihren Bestimmungsorten angelangt sind, bin auch ich letzter an der Reihe.

Ich steige aus an der "Moorea Beach Lodge“  im Ort Haapiti im westlichen Teil der Insel. Mein Gepäck steht kerzengrade vor mir und wartet auf mich. Die Anlage besteht aus 20 kleinen Bungalows, die bescheiden d. h. ohne Fernseher, aber ausreichend möbliert sind. Statt des erwarteten Gartenbungalows bekomme ich einen Meerblick-Bungalow, das heißt weniger als zehn Meter bis zum Wasser, mit eigener Terrasse und eigenen Liegestühlen am Strand. Vor mir eine weite Lagune und eine Wasserfarbe, wie ich sie noch nie gesehen habe, türkis bis hellblau, unbeschreiblich mild und schön, ein Traum von Meer auch hinter einer Regenwand. Der Stamm einer Kokospalme liegt im 45-Grad-Winkel über dem Wasser. So habe ich mir die Südsee vorgestellt und so sieht sie auch aus. Ich bin, glaube ich, der einzige Gast in der gesamten Anlage, habe also Privatheit ohne Ende. Der Geschäftsführer ist Franzose, ein netter Herr in mittleren Jahren, der sagt, er sei früher Klarinettist gewesen und sei vor 20 Jahren mit einem bretonischen Sinfonieorchester einmal auf Tournee in Deutschland gewesen. Ein riesengroßer, uralter und sehr charaktervoller Banyan-Baum steht inmitten der Anlage. Ich verständige mich kurz über den Internetzugang. „Magictree ist das Passwort, wie der Baum“, sagt er.

Etwa 200 Meter nach links gibt es ein Restaurant, das alles anbietet von Pizza bis zum Steak, von Bier bis Wein. Ich wähle eine Pizza zum Mitnehmen und trinke, während sie gebacken wird, ein Bier. Das ist soweit mein erster von fünf Tagen auf Moorea. Ich kann mir sogar vorstellen, im Schlafanzug ans Meer zu gehen, aber der konstante Tropenregen hält mich heute davon ab. Schade nur, dass der Januar hier zu den feuchteren Monaten zählt.

Papeete
Îles du Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

44. Tag

16. Jan.

Französisch Polynesien

Papeete

Streetart – ein Streifzug durch Papeete

Grafiti auf Tahiti

Wieder einmal müssen Bilder sprechen – wie schon in Christchurch. Papeete ist reich an Brandmauern und unschönen Fassaden. Blanke Wände können provozieren. Einige der auffallendsten Motive habe ich bei einem nachmittäglichen Rundgang festgehalten. Ich halte die Tahitianer nicht für besonders kreativ. Aber hierin kann ich mich täuschen. Ich glaube, es gibt in Papeete sogar ein Museum für Streetart. Doch all dies sind nur kurz belichtete Impressionen eines einzigen Tages aus einer Stadt, die mich nicht zum Bleiben verlockt.

Papeete
Îles du Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

44. Tag

16. Jan.

Französisch Polynesien / Tahiti

Papeete

Enttäuschung

Als Stadt ist Papeete eine Enttäuschung, eine Stadt für die Durchreise, kein Ort, an dem ich länger bleiben möchte. Dass Papeete unattraktiv ist, habe ich schon vorher gelesen, aber ich wollte es nicht glauben. Nervend ist der Straßenverkehr, der ohne Pause fließt. Verkehrsberuhigte Zonen gibt es nicht. So etwas macht jede Stadt ungemütlich. Die Geschäfte sind uninteressant und haben bereits vor 18:00 Uhr geschlossen. Souvenirläden bieten Südsee-Folklore, viel Geschnitztes, bunte Stoffe, Blumendekor, amüsante Kaffeebecher. Die Frauen tragen künstliche weiße Blumen im Haar, das gibt ihnen Anmut und korrespondiert hübsch mit dem Dekor ihrer Kleider. Jalousien sind heruntergelassen, Fenster verdunkelt, Fassaden bröckeln, mindestens zwei Hotels haben ihre Pforten geschlossen. Touristen sehe ich sehe ich ebenso wenig wie Fotomotive, niemand, der posiert. Niemand wirft mir, dem erkennbar Fremden, ein freundliches Bon Jour zu oder will mich zu etwas animieren. Ich empfinde die Menschen in Papeete als ungepflegt bis unsauber, sie wirken, als seien sie auf Zuwendung angewiesen. Ihr Emotionspegel ist abgesenkt. Ich nehme viel Gleichmut und Armut wahr. Dass viele stark übergewichtig sind, liegt an ihrer genetischen Veranlagung, aber auch daran, dass sie sehr viel Cola und zuckerhaltige Getränke trinken und Fastfood und Alkoholkonsum gegenüber nicht abgeneigt scheinen. Überhaupt, so mein Eindruck, gehen die Menschen hier nicht gut mit sich selbst um. Paul Theroux ist in seinem Buch „Die glücklichen Inseln Ozeaniens“ hart mit den Tahitianern ins Gericht gegangen. Die Einzelheiten seiner Beschreibung habe ich nicht mehr präsent, aber schuld daran ist vor allem Frankreich als ehemaliger Kolonialstaat, der Französisch Polynesien hat ausbluten lassen und der Insel die Fähigkeit zur Eigenverantwortlichkeit genommen hat.

Die lokale touristische Imagebroschüre hat 10 Seiten Umfang, davon acht Seiten ganzseitige Anzeigen für Perlenverkauf mit großzügigem Discount bei Vorlage des Magazins. Perlenverkauf als wirtschaftliche Monokultur, geht das?  Kunden sehe ich in den Geschäften wenige. Papeete hat einen Schiffs- und Fährbahnhof und einen Yachthafen, es hat einige Grünflächen und den Parc Bougainvillea, eine sehenswerte Kathedrale und einen hübschen Markt mit Lebensmitteln und Kunsthandwerk, wo ich einen Imbiss zu mir nehme. An sehr viel mehr erinnere ich mich nicht an diesem, meinem ersten Tag in der Südsee.

Papeete
Îles du Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

43. Tag

15. Jan.

Neuseeland / Französisch Polynesien

Auckland / Papeete

Dessertwein zum Eis

Mit nur fünf Stunden Flug habe ich eínen Tag Zeit gewonnen, muss aber die Uhr eine Stunde vorstellen. Es ist immer noch, Sonntag, der 15. Januar, und ich bin in Papeete auf Tahiti. Der Bordservice der Air New Zealand ist der bisher beste auf meiner gesamten Reise. Es gibt sogar Dessertwein zum Eis. Das gibt es nicht einmal an meiner Eisdiele zu Hause. Der freundliche Empfangsdienst am Flughafen hat mir eine Blumenkette umgehängt und alle Reisepapiere ausgehändigt. Noch kann ich mir kein Bild von Papeete, der Hauptstadt Tahitis und Französisch Polynesiens, machen. Die Sonne geht früh unter, kein Stern am Himmel und es ist unglaublich dunkel, was auch an fehlender Beleuchtung an der Straße und auf den Gehwegen liegt. Das Paradies hüllt sich in Finsternis. Ein paar Häuser weiter finde ich finde einen Geldautomaten und entnehme einen kleinen Betrag in einer mir vollkommen unvertrauten Währung, dem Französischen Pacific Franc (auch CFP Franc). Beim Lebensmittelmarkt, der gleich neben dem Hotel liegt und Teil einer Shell-Tankstelle ist, und hole mir eine große Flasche Wasser. Tahiti, so mein erster Eindruck, ist ein teures Pflaster. Morgen werde ich mir Papeete näher anschauen, übermorgen geht meine Fähre nach Moorea.

Papeete
Îles du Vent, Französisch-Polynesien
Rainer Small

43. Tag

15. Jan.

Neuseeland

Auckland

Weinjahrgang 2017 in Vorbereitung


Neuseeland ist Europa nicht nur zwölf Stunden, sondern auch sechs Monate voraus, was die Weinernte betrifft. Im Januar ist Sommer auf der Südhalbkugel und ab April, wenn der Herbst kommt, beginnt die Weinlese, d.h. der 2017er Jahrgang ist in Vorbereitung, während der Europäer noch nicht einmal den 2016er Jahrgang kennengelernt hat. Ich habe heute einige 2016er Weine verköstigt und weiß, wie sie schmecken, aber mich fragt ja keiner. Bei einer Inselrundfahrt mit dem Thema „Wine on Waiheke“ lerne ich drei der führenden Weingüter kennen, drei von 24, die es hier auf einer Fläche von 92 Quadratkilometern bei einer Küstenlänge von 133 Kilometern gibt. Die Insel Waiheke, eine halbe Fährstunde vor Auckland, ist in vielerlei Hinsicht idealer Nährboden und bestes Klima für Trauben aller Geschmacksrichtungen. Daß Waiheke darüber hinaus auch eine sehr schöne Küstenlandschaft aufzuweisen hat, stört die Trauben beim Wachstum wenig. Besonders gepflegt wird der Anbau der mir unbekannten Weißweintraube Viognier, vom Geschmack her, trocken, würzig, intensiv. Der Roséwein, der entweder aus der roten Syrah- oder der Merlot-Taube gewonnen wird, wird hier besonders gepflegt. Er passt gut in warme Regionen und ist ein idealer Wein für den Nachmittag am Strand. Doch Vorsicht: Auch wenn der Rosé leicht und luftig schmeckt, er besitzt den gleichen Alkoholgehalt wie jeder andere Wein. Den kräftigen und pfeffrigen Syrah gibt es hier in vielen Varianten ebenfalls. Einziger Feind des Weinbauern auf Waiheke sind die Vögel. Um die Reben vor ihnen zu schützen, werden weiträumig Netze aufgespannt. Der Boden ist lehmhaltig und speichert das Wasser. Bis zu zehn Meter hohe Hecken halten die Winde ab, die von allen Seiten her vom Meer hereinwehen. Schädlinge gibt es keine. Das erste Weingut, das ich besichtige, ist Madbrick, das zweite heißt Cable Bay, das dritte Te Whau. Alle haben sie Preise erhalten für die Qualität ihrer Reben. Bei einer Verkostung kann man die Gründe dafür nachvollziehen.

Auckland hat einen großen Hafen, der von richtig großen Kreuzfahrtschiffen angelaufen, gestern habe ich Noordam gesehen, heute die Sea Princess, beide von der Princess Cruiseline, beide mit einer Kapazität von 2.000 Passagieren.

Für die nächsten Tage rechne ich mit einer sehr instabilen bzw. nicht vorhandenen Internetverbindung. Ich bin jetzt in der Lounge der New Zealand Air und warte auf den Flug nach Papeete, Tahiti, das der Mittelpunkt und vielleicht auch Höhepunkt meiner Reise ist. Nur werden meine Blogs wohl etwas weniger regelmäßig, weil die Leitung einfach schwach ist.

Auckland
Neuseeland
Rainer Small

42. Tag

14. Jan.

Neuseeland

Auckland

Inszenierung eines Picknicks

Auckland ist eine Millionenstadt, in ihr leben ein Drittel der 4,2 Millonen Einwohner Neuseelands. Entsprechend dem City-Ranking einer weltweit tätigen Consulting Firma besitzt Auckland unter allen Großstädten der Welt die dritthöchste Lebensqualität. Bei dem subtropisch milden Kima (im Januar zwischen 24 und 30 Grad) lebt es sich sehr angenehm hier. Ich wohne stadtzentral und sehe auf dem Weg zur Innenstadt, daß nicht alle Auckländer (sorry, ich weiß keine andere Bezeichnung für die Bewohner) auf der Sonnenseite leben. Vor der Stadtmission warten viele, die nach Hilfe verlangen, sozial Abgehängte, Obdachlose, Menschen, die sich auf Bänken in Decken zum Schlafen eingerollt haben. Und ich sehe schmutzige Ecken und leere Whiskeyflaschen in ungenutzten Hauseingängen. Alkohol in der Öffentlichkeit, das geht überhaupt, das habe ich bereits inr Australien wie auch jetzt auf meiner Reise durch Neuseeland gelernt. Auf der Busfahrt von Rotorua nach Auckland noch hat der Fahrer ausdrücklich davor gewarnt, geöffnete Flaschen, also trinkbaren Alkohol, mit ins Fahrzeug zu nehmen. Dafür gibt es ein besonderes abschließbares Fach im Bus, erläutert er. Wer erwischt wird, der muss mit einer Geldstrafe rechnen und damit, daß er die Fahrt nicht fortsetzen darf. Polizeikontrollen sollen keine Seltenheit sein.

Die Queen Street ist eine stark befahrene Einkaufsstraße, die ich mir genauso in jeder Großstadt in Deutschland vorstellen kann. Neuseelandisch-australische Kettenläden dominieren. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Geschäfte auch Sonntags geöffnet sind. Nur, so fällt mir auf, der Chinesen- und Japaneranteil ist deutlich höher als in anderen Städten, die ich kennengelernt habe. In meiner Wahrnehmung wenden sich über 50 Prozent aller Eaterys ("Essstationen") an Sushi-Kunden, der Rest bietet chinesische und koreanische Fastfood, gelegentlich eine Pizzeria. Nach freien Tischen muss man fast überall anstehen. Asiaten sind eine Macht in Auckland. Transparente werden an diesem Mittag über den Bürgersteig getragen.. Alle Botschaften formulieren ein Ziel: Weg mit der CCP, der kommunistischen Partei Chinas, die viel Unrecht anzurichten scheint. Die Demonstranten vertreten die Interessen der Falun Gong, einer alten chinesischen Glaubensgemeinschaft, die besondere spirituelle Werte und religiöse Praktiken pflegt. Dafür werden sie oftmals gefangengesetzt. Einmal in Haft, werden sie schnell Opfer von Organentnahmen. Man spricht sogar von Organdiebstahl. Meine Sympathie gehört den Demonstranten, ich glaube ihnen.

Besondere Lebensfreude drückt sich aus bei "Auckland Live - Summer in the Square" mit buntem Programm zwischen 1. Dezember und 24. Februar. "Square" ist dabei der zentral gelegene Aotea Square als Spielstätte. Am heutigen Samstag steht alles unter dem Thema "Retro", also Tanzen zu Swing Musik, natürlich im Look der Zeit. Nostalgische Modenschauen, Oldtimer-Autos,Tanzenlernen zu Groovemusik und - ein besonders netter Einfall - eine Preisvergabe für die schönste öffentliche Inszenierung eines Picknicks.

Einen kleinen Galeriebummel erlaube ich mir heute auch. Ich gehe in die Auckland Art Galery, Nach der zeitgenössischen neuseeländischen Kunst, die mich nicht sonderlich beeindruckt, verharre ich bei den Alten Meistern. Deren Bilder sind - wie ich  schon im Queensland Museum in Brisbane beobachtet habe - ohne erkennbare Sortierung umeinander gehängt. Einzelne Werke lassen sich nicht würdigen. Die gedrängte Hängung dürfte dem geringen Platz geschuldet sein. Und doch entdecke ich darunter ein Bild von Pieter Breughel dem Jüngeren, einen Bauernjahrmarkt aus dem frühen 16. Jahrhundert. Das bemerkenswerte Bild geht leider unter in der Fülle und bedarf zudem einer gründlichen Überarbeitung. Dennoch: Das Hinschauen macht Freude. Ungewöhnlich sind die Maori-Porträts des böhmischen Malers Gottfried Lindauer, der die meiste Zeit eines Lebens in Neuseeland verbracht hat. Mehr als 120 führende Figuren und Häuptlinge in ihrer Kampfmontur aus den Jahren zwischen 1800 und 1900 hat er in größformatigen Bildern festgehalten. Eine ferne Zeit, eine fremde Welt, aber sehenswerte und kraftvolle Menschen.

P.S.: Mein Versuch, ein Handwaschmittel zu kaufen, bleibt erfolglos. Ich war in zwei Supermärkten und mehreren Apotheken. "Rei in der Tube" hat es anscheinend nicht über den Pazifik geschafft. Ich versuche es jetzt mit Seife.

Auckland
Neuseeland
Rainer Small

42. Tag

14. Jan.

Neuseeland

Auckland

Das "Civic" - Was für ein Theater!

Die Queen Street ist das Herz des CBD. von Auckland, also des Central Business Districts. An der Kreuzung zur Wellesly Street befindet sich die unscheinbare Fassade des "Civic Theatre", die mich nicht weiter angelockt hätte, hätte nicht dort das Programm des Auckland  Arts Festivals ausgelegen. Ich trete ein in das Gebäude und halte sofort inne. Was ist das für ein Theater! Sofort erinnere ich mich an das "Regent Kino" in Brisbane (Siehe Blog vom 30 Dez.), das als Touristen-Infocenter genutzt wird und in einem gotischen Phantasiemix ausgekleidet ist. Doch hier kommt mir alles indisch-maurisch und knallbunt vor, und dabei ist das „Civic“ ein Kino, das noch in Betrieb ist.

Es ist das berühmteste Theater von Auckland. Es wurde 1929 mit einem Fassungsvermögen von knapp 2.400 Zuschauern errichtet und imponiert mit seiner üppig-kitschigen Innenraum-Gestaltung. Im Foyer und Auditorium erinnern Zwiebeltürme und maurische Rundbögen, sitzende Buddhas und Kuppeldecken an den Orient. Unzählige Lichter verwandeln die Decke des Eingangssaales in den Sternenhimmel der Südhalbkugel. Leider gibt es für mich keine Möglichkeit, den Kinosaal unangemeldet zu betreten. Derartige Kinos werden als „athmospheric theatres“ bezeichnet. Laut Wikipedia sollen es davon außerhalb der USA nur noch sechs weitere geben. Das "Regent" in Brisbane zählt nicht dazu. Warum, weiß ich nicht. Allein die Atmosphäre, das raffiniert inszenierte Spiel mit Lichteffekten und die angestrahlten Götterfiguren machen mir klar, was ein Lichtspieltheater im eigentlichen Wortsinn auch sein könnte. Dazu muss man keinen Film zeigen, sondern nur den Vorraum des Kinos entsprechend ausgestalten. Während des Zweiten Weltkrieges war das "Civic" populär als Kabarett-Bühne. Emir Kustorica, der serbische Rockmusiker, Provokateur und Regisseur, tritt hier im Rahmen des Auckland Arts Festivals am 16. März 2017 mit seinem "No Smoking Orchestra" auf.

Das Kinotheater ist eine Kreation von Thomas O'Brien, der in den späten 1920ern von Auckland aus ein Kinoimperium aufgebaut hat. Doch damit hat er sich finanziell übernommen, weil weder mit der Weltwirtschaftskrise noch mit schlechten Besucherzahlen als Folge davon zu rechnen war. Für Aucklands Architektur ist das „Civic“ ein Schatzkästlein.

Auckland
Neuseeland
Rainer Small

41. Tag

13. Jan.

Neuseeland

Rotorua

Heißes Brodeln

Die Erde unter Neuseeland ist immer in Bewegung. Doch im Gegensatz zu den Erdbeben mit ihren katastrophalen Folgen gibt es geologische, genauer geothermische Kräfte, deren Anblick geradezu Vergnügen bereitet. Eine halbe Stunde südlich vor Rotorua gibt es ein Gebiet, das den freundlichen Namen "Geothermal-Wunderland" trägt oder in der Sprache der Maori-Einwohner Wai-O-Tapu, was soviel bedeutet wie „heiliges Wasser“. Laut Reiseführer „Lonely Planet“ ist dieses Gebiet in der Mitte der Nordinsel vermutlich das aktivste Thermalgebiet überhaupt. Unter der Erde hat sich so viel Hitze angestaut, dass sich Gase bilden, die an die Oberfläche entweichen. Das geschieht mit viel Gezische und Gebrodel in einem extremen Farbenspiel. Mein Halbtagesausflug in diese neue Erlebniswelt hat sich wirklich gelohnt.

Auch die außerhalb des Parks liegenden Schlammteiche sind den Besuch wert. Auf einer großen Fläche blubbert die Erde und spuckt kleine und gr0ße Mengen Schlamm aus. Unaufhörlich gibt es Eruptionen, gelegentlich rummst es kräftig. Aber die Orte lassen sich nie genau vorhersagen, an einer Stelle schießt der Schlamm meterhoch in die Höhe. Es bleibt ein spannendes Schauspiel. Den heftigen Schwefelgeruch als Beipack sollte man aushalten können. Entstanden ist der Schlamm-See übrigens durch einen Schlammvulkan, der 1925 ausbrochen ist und dieses Becken zurückgelassen hat. Damit ist dieses Naturspektakel noch von sehr jungem Datum.

Der "Champagne Pool" ist eine beeindruckend schöne heiße Quelle: Aus dunkelgrünem Wasser entweichen kleine Bläschen, die sich in dichten weißen Schwefelwolken auflösen. Den Rand bildet ein leuchtend orangefarbener Streifen. Der See hat einen Durchmesser von 65 Metern und ist 62 Meter tief. Unterirdisch strömt permanent 230 Grad heißes Wasser nach, es steigt nach oben und kühlt auf 75 Grad ab. Die Illusion eines überlaufenden Champagner-Glases liegt nahe. Das Wasser fließt ab in die danebenliegende "Artist’s Palette" und dann weiter in Sinter-Terrassen hinunter, wo es auf 15 Grad abkühlt. Die "Künstlerpalette" hat das mineralstoffhaltige Wasser des "Champage Pools" in den verschiedene Farben getaucht. In dieser thermischen Zone hat die vulkanische Aktivität farbenfrohe und variantenreiche Spuren hinterlassen. Einige tragen den Namen des Teufels: Devil’s Ink Pots, Devil’s Cave und Devil’s Home.

"Lady Knox" heißt ein Geysir, der außerhalb des Geothermal-Wunderlandes liegt und mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Der Geysir wird täglich um 10:30 Uhr vor Publikum mittels Seifenflocken künstlich zum Ausbruch gebracht. (Der Geysir kann gar nicht anders, denn Seife verhindert die Oberflächenspannung des Wassers. Anm. d. A.) Die Wasserfontäne schießt bis zu 20 Meter hoch, ihr Austritt kann bis zu einer Stunde dauern. Entdeckt wurde der Lady-Knox- Geysir vor etwa 100 Jahren, als Sträflinge aus dem benachbarten Arbeitslager in einem Wasserloch ihre Wäsche wuschen. Wenn sie Waschmittel zugaben, schoss kurz darauf unter lautem Grollen eine Fontäne aus heißem Dampf in die Höhe. Was mich persönlich daran erinnert, daß ich ein Handwaschmittel für meine kleine Wäsche kaufen muss

Sehens- und begehenswert ist auch das Waimangu-Vulkantal, wo am 10. Januar 1886 der Vulkan Mount Tarawera ausgebrochen ist. Nach heutigem Kenntnisstand brachen gegen drei Uhr nachts 22 Krater des Vulkans gleichzeitig aus. Sie spien Schlamm, Magma und große Mengen Asche auf einer Länge von 17 Kilometern aus. Ganze Orte wurden auf einen Schlag vernichtet, an deren Stelle klafft nun ein 100 Meter tiefer Krater. Heute hat sich die Gegend weitgehend beruhigt. Mit einem weiteren Ausbruch ist vorerst nicht zu rechnen. Das Gebiet um den damaligen Vulkan ist heute das jüngste Thermalgebiet der Welt. Zum ersten Mal konnten hier Wissenschaftler die Natur bei der Rückeroberung einer verwüsteten Vulkanlandschaft beobachten und das über einen Zeitraum von 125 Jahren. Wie effektiv die Natur das geschafft hat, darüber kann man sich auf Wanderwegen informieren. Das dazugehörige Informationsblatt ist auch auf Deutsch erhältlich. Die besten Hot Spots zur Beobachtung sind durchnummeriert und beschrieben und tragen eindrucksvolle Bezeichnungen wie: Mördermuschelquelle, Inferno-Kratersee oder Feenkrater.

Vor meinem Hotel in Rotorua ragt ein schmales Rohr in Luft, das unter Zischen unablässig Dampfwolken ausstößt. Ich bin froh, dass diese schöne, bunte Erdwärmewelt nicht wirtschaftlich ausgebeutet wird. Morgen fahre ich weiter nach Auckland, meiner letzten Station in Neuseeland

Rotorua
Bay of Plenty, Neuseeland
Rainer Small

40. Tag

12. Jan.

Taupo / Rotorua

Forelle und Bratwurst

Der Lake Taupo im Zentrum der neuseeländischen Nordinsel, etwa auf halbem Wege zwischen Wellington und Auckland, ist ein Naturphänomen, das wie fast alle Ziele in Neuseeland touristisch gut erschlossen ist. Mein heutigerTagestrip macht mich mit dem Nordufer des Sees vetraut und versieht mich mit einer Fülle von Informationen. Eigentlich habe ich mir von der Fahrt mehr Abwechslung versprochen.Zudem weht ein zugig-kalter Wind, der den Aufenthalt am Außendeck beschwerlich macht. An Bord serviert die Besatzung Kaffee und Blaubeer-Muffins. Ich fasse ich die relevanten Fakten zum Lake Taupo knapp zusammen: Der See ist ein riesiger Krater von der Größe eines Binnenmeeres. Gerne wird ein eindrucksvoller Vergleich herangezogen, der Lake Taupo mit seiner 625 Quadratkilometern sei so groß wie der Stadtstaat Singapur. Mag sein. Der See ist 41 Kilometer lang und 30 Kilometer breit, er hat einen Umfang von ca. 193 km und ist an der tiefsten Stelle 186 Meter tief. Er entstand vor fast 2000 Jahren durch einen gewaltigen Vulkanausbruch, der sogar die Sonne in Europa und China verdunkelt haben soll. 74 Flüsse und Bäche speisen den Taupo-See und machen ihn zu einem Paradies für Angler und Kajakfahrer. Nur ein einziger Fluss fließt aus dem See hinaus - der Waikato River. Mit 425 Kilometern Länge ist er Neuseelands längster natürlicher Wasserweg. Am Ufer laden einige lange Sandstrände mit unterschiedlich großen Bimssteinen und einer Wassertemperatur von 16 - 20 Grad Celsius zum Baden, Kanu fahren, Paddeln, Segeln, Wasserskifahren und anderen Wasseraktivitäten ein. Die Stadt Taupo mit ca. 32.000 Einwohnern hat sich dem Tourismus untergeordnet, der die Einwohnerzahl im Sommer verdoppeln kann. Dominierender Fisch im See ist die Regenbogenforelle. Sie kam ursprünglich aus Kalifornien und wurde 1898 im See eingesetzt, wo sie auf ideale Lebensverhältnisse getroffen ist. Ihr durchschnittliches Gewicht ist 1,5 Kilogramm.

Ein Highlight am See sind die Maori Rock Carvings in der Mine Rock Bay. Ich bin der irrigen Auffassung gewesen, dabei handele es sich um authentische Ureinwohnerkunst. Doch es ist ganz anders. In den 1970er Jahren wollte der Künstler Matahi Whakataka-Brightwell der Kunst der Maoris ein Denkmal setzen und sie für nachfolgende Generationen erhalten. Dafür suchte er sich eine nur per Boot zugängliche Wand am Lake Taupo für sein Steinrelief aus. Vier ganze Sommer hat es gedauert, bis das 10 Meter hohe Werk fertig war.

Nur gut eine Stunde dauert die Fahrt von Taupo nach Rotorua, wo ich für zwei Nächte im Sudima Hotel untergekomme. Rotorua ist für mich ein Ort ohne besondere Eigenschaften. Er ist touristischer Ausgangsort für Touren in das Geo-Thermal-Wunderland, wo man Geysiren und kochendem Schlamm gefahrlos nähertreten kann. Bieten kann die Stadt selbst einen Nachtmarkt mit Handwerksständen und Ethno-Küchen, darunter auch eine geographisch besonders fernliegende, die deutsche nämlich, mit Brat- und Currywurst, betrieben von einem deutschen Paar. Der Stand wäre mir gar nicht aufgefallen, würde nicht die deutsche Fahne darüber wehen.

Rotorua
Bay of Plenty, Neuseeland
Rainer Small

39. Tag

11. Jan.

Neuseeland

Napier / Taupo

Neubeginn im Art déco-Stil

Daß aus einer Katastrophe ein Neubeginn erwachsen kann, das demonstriert seit 2011 die Stadt Christchurch. Zeitdauer: unbekannt, burokratischer Aufwand: riesig). Wie so etwas im Kleinen gelingen kann, das hat in den 1930er Jahren Napier bewiesen. Das Erdbeben (Stärke 7,9 auf der Richterskala), das sie heimgesucht hat, gilt noch immer als Neuseelands schwerstes. Binnen dreier Minuten am 3. Februar 1931 hat es 260 Menschenleben, etwa ein Prozent der Bevölkerung ausgelöscht. Ein Großteil der Gebäude im Stadtzentrum wurde entweder durch das Erdbeben selbst oder durch anschließende Brände zerstört. Die Bewohner, die ihre Stadt nicht in Schutt und Asche liegen sehen wollen, haben beschlossen, sie genau so wieder aufzubauen, wie sie sie verloren haben. Das hat dazu geführt, dass Napier in einem unverfälschten Art déco-Stil wiedererstanden ist. Der unbürokratische Wiederaufbau beginnt unmittelbar nach dem Beben und istr zwei Jahre später fast abgeschlossen. Die neuen Gebäude spiegeln den architektonischen Stil der damaligen Zeit wider: klassizistisch, spanischer Missionsstil und Art déco. Die örtliche Architektin Louis Hay, eine große Bewunderin von Frank Lloyd Wright, nutzt ihre einmalige Chance. Mit Maori-Motiven wird  der Stadt ein einzigartiger Neuseeland-Charakter verliehen – die ASB-Bank an der Ecke Hastings und Emerson Street zeigt typische Muster. In Napiers Stadtzentrum fühlt man sich wie auf einer Zeitreise. Die sich nahtlos aneinander reihende Architektur der 1930er Jahre ist weltweit eine Besonderheit. So empfinden es jedenfalls die Neuseeländer. Doch Art déco ist mehr ein Dekorationsstil als ein Baustil. Derartige Führungen in Wien oder Brüssel hätten gewiss andere Schwerpunkte. Aber dort haben ja nie Erdbeben die bauliche Substanz einer ganzen Stadt zerstört. Mit großer nostalgischer Sehnsucht und charmantem Sinn zur Selbstinszenierung feiert Napier jedes Jahr im Februar bei einem Art déco-Wochenende sein kulturelles Erbe. Dabei dreht sich alles um Oldtimer, Mode und die Musik der 1930er-Jahre, und jedes Jahr kommen mehr Teilnehmer und Gäste.

Ich fahre 143 Kilometer von Napier zur Stadt Taupo am Ufer des gleichnamigen Sees. Ich sehe Wassersportler, Schwimmer und Wasserflugzeuge. auf einer fast endlosen Wasserfläche. Der Lake Taupo, der größte See Neuseelands, ist vulkanischen Ursprungs und von schneebedeckten Bergen umstanden. Morgen mache ich eine kleine Rundfahrt auf dem See.

Etwas besonders Kurioses hat die Stadt auch zu bieten. In der Hitliste der coolsten Standorte für ein Mcdonald's-Restaurant steht Taupo ganz weit oben. In einem ausrangierten McDouglas-Flugzeug von 1943 können Hamburger gegessen werden. Der komplett erhaltene Flugzeug-Oldtimer ist per Treppe mit dem Schnell-Restaurant verbunden. Das will ich einmal von innen sehen. Das sollte doch ein gutes Argument für einen Hamburger sein. Na klar, das Innenleben des Fliegers ist ausgeweidet und mit Stühlen und Tischen zum Fastfood-Verzehr bestückt, aber das tut der Flugzeugatmosphäre keinen Abbruch. Das Cockpit mit seiner gesamten Technik ist hinter einer Glaswand konserviert. Die Einsatzgeschichte des Flugzeugs beginnt 1943 als Frachtflugzeug für die US Air Force und endet nach 56.282 Flugstunden 1985 mit Einsätzen in landwirtschaftlichen Diensten in Australien. Die Umbennung von McDouglas zu McDonald's ist dann nur noch ein Pinselstrich gewesen.

Rainer Small

38. Tag

10. Jan.

Neuseeland

Wellington / Napier

"Barons & Potter"


Auf den neuseeländischen InterCity-Bus ist Verlass. Heute geht die Fahrt von Wellington nach Napier, etwa 320 Kilometer weit und damit meinem Endziel, Auckland, ein weiteres Stück näher. Mit meiner Motel-Buchung gab es ein Malheur durch meine Destinationsexpertin. Dort wo ich unterkommen sollte, im Fountain Grove Motel, war ich als Gast gar nicht vorgesehen und eingebucht. Ersatzquartier ist das "Bella Tuscany", ein anderes der vielen Motels in Neuseeland, nur leider fünf Kilometer vor der Stadt. Für den, der kein Auto hat, ist ein Motel eher unpraktisch, auch wenn der Standard ausgesprochen hoch, die Inhaberin sehr freundlich und das Zimmer sehr sauber ist. Darryn, der hilfsbereite Inhaber des Fountain Count, bringt mich und will mich auch am nächsten Tag wieder abholen, damit ich den Vormittagstermin meiner Stadtführung, den Art Deco-Walk in Napier, einhalten kann. Verärgerung schwingt bei dieser unplanmäßigen Umbuchung mit, aber die schlucke ich herunter.

Auf das angenehmste geschluckt aber habe ich bei einem Wine Tasting des Anbaugebietes Hawke's Bay, wozu die Region Napier gehört. Dort gibt es das New Zealand Wine Centre, das Weine und Winzer bekanntmacht. Da ich eher ein Weisswein- als ein Rotweinliebhaber bin, erhalte ich ein Probierglas Chardonnay und darf in einem Aroma-Raum mit vielen Geruchsproben meine Weinnase testen. In meinem Wein schmecke ich Limone und Melone. Weiter komme ich nicht, weil jeder gute Wein eine Komposition aus mehreren Fruchtnoten ist. In einem Kinoraum werden sechs Winzer im Bild vorgestellt. Während sie ihre Weine erklären, kann ich die vorgestellten Tropfen verköstigen und darf sie auch bewerten. Darunter ist auch ein Gewürztraminer, der, wie ich finde, überhaupt nicht in diese Weinregion passt.

Vor lauter Spaß am Degustieren, das sich  im Verkaufsraum mit weiteren Weinen fortsetzt, habe ich leider die Kamera in der Tasche gelassen. Wenn ich aber das Etikett meines Weißweinfavoriten hätte fotografieren dürfen, dann würde "Barons & Potter, The Countess. Reserve Chardonnay 2015" darauf stehen. Ich erlaube mir, die englische Geschmacksbeschreibung zu zitieren: "Quintessentially Hawke's Bay - ripe stonefruits and vibrant citrus, beautifully balanced with nutty oak undertones". Überhaupt ist Napier eine nette Stadt mit 57.000 Einwohnern, einer schönen Strandpromenade und vielen Backpacker- Hostels und mit - oh Wunder - einem Mini-Golfplatz.

Napier
Hawke's Bay, Neuseeland
  • Missing
    Werner Kreuz hat am kommentiert:

    Hallo RW,
    sollte Zeit bleiben für einen Busausflug, empfehle ich einen Trip zur historischen Location "Cape Cidnapper" und dort mit einem alten (Schul-)Bus gesteuert von dem früheren Besitzer dieses Landstrichs zu den Blaufuss-Tölpelkolonien (gannets). Man kommt bis auf wenige Meter an die großen, in der Luft hocheleganten Vögel heran und lernt zudem etwas über die Historie des Landes (als guten Einstieg für die Tour am 11.1.2017).
    Viel Spass weiterhin
    wk

  • Small
    Rainer hat am kommentiert:

    Lieber WK,
    aufgrund vorliegenden Beweismaterials weiß ich sehr wohl, dass Sie auf Ihrer Welttournee auch in Taupo und Cape Kidnapper gewesen sind. Meine bereits vorformulierte Frage, welche Erinnerungen Sie daran noch haben, erübrigt sich hiermit. Ich glaube, mein Zeitplan erlaubt keine Tölpeleien dieser Art. Aber ich nehme die Anregung dankend auf. Heute habe ich ein Dutzend Weine aus der Region Hawk's Bay degustiert. Sehr bekömmlich.
    Gruss aus Napier nach M. am Niederhein
    RW

Rainer Small

37. Tag

9. Jan.

Neuseeland

Wellington

Horizontalregen

Heute ist mein Wellington-Tag. Er fängt etwas unglücklich an, weil der Bus, der mich zu einer Stadtrundfahrt abholen soll, nicht erscheint. So wandere ich, mit einem unpräzisen Stadtplan bewaffnet, zur Besucherinfo, dorthin wo die Busse (16-Sitzer, keine Doppeldecker) abfahren. Der Weg führt von der Cuba Street, einer Szenestraße, an der mein Hotel liegt, die reich ist an ungewöhnlich sortierten Geschäften und kultigen Kneipen, in Richtung der City Galery, der Nationalbibliothek und dem Sitz des Stadtparlaments. Ich komme in den Genuß einer Einzelpanoramafahrt durch die südlichste Hauptstadt der Welt (das ist Wellington wirklich) und auch eine der kleinsten mit knapp 200.000 Einwohnern. Wellington hat einige Rekorde aufzuweisen, zum Beispiel hat die Stadt als erste das Frauenwahlrecht eingeführt und eine größere Kneipendichte pro Einwohner als New York. Ansonsten prägt sich mir hier nicht wirklich etwas ein, weder an markanter Architektur noch an herausragenden historischen Denkmälern. Ein großes Kriegsmuseum würdigt das Andenken an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, als Neuseeland an der Seite Australiens in Europa kämpfte. Endlich erfahre ich, was sich hinter dem oftmals in Australien gehörten Begriff "Anzac" verbirgt, nämlich das australisch-neuseelandische Armeecorps, das heute noch stolz auf seine Kriegseinsätze ist. Wellington hat zwei Universitäten, einige hochgelegene Wohnquartiere mit eigenen kleinen Sesselliften zu den Häusern, eine Seilbahn, einen besonders schönen Rosengarten und eine bedeutende Nationalgalerie. Mehr nicht, nach meinem Empfinden. Ich bitte an dieser Stelle Wellington um Entschuldigung für mein abwertendes Urteil, aber an einem einzigen Tag habe ich einfach zu wenig Gelegenheit, die wahren Qualitäten dieser Stadt wahrzunehmen. Oriental Bay, den Strand, habe ich nicht gesehen, auch nicht die Waterfront und eine der vielen Galerien. Wellingtons Klima gilt als gemäßigt. Die Stadt wird aus als "Windy City" bezeichnet, weil sie dem Pazifik gegenüber sehr weit geöffnet ist. Bei kräftigem Wind liegt der Regen schon einmal waagerecht in der Luft. Horizontalregen nennt man das.Vor allem aber ist sie Heimat des Lord-of-the-Rings-Regisseurs Peter Jackson, der in Neuseeland nahezu überirdischen Kultstatus genießt und Wellington zu einem Klein-Hollywood entwickelt hat.


Neuseeland, seit vielen Millionen Jahren als Landmasse vom Rest der Welt getrennt, besitzt seine eigene Tierwelt, bzw. auch nicht mehr. Das Land hat keine Schlangen, keine Spinnen (bis auf eine harmlose Art) und keine einheimischen Säugetiere. Die Arten, die nur hier leben oder überlebt haben, genießen  besonderen Schutz. Zu ihrer Bestandssicherung ist ein Naturschutzgebiet geschaffen worden, welches das Land vor Eintreffen des Menschen quasi als Vision einer untakten Natur wiederherstellen soll. Dieses Projekt, das früher "Karori Wildlife Sanctuary" hieß und heute "Zealandia" genannt wird, ist mit einem für Tiere undurchdringlichen Zaun umgeben, der alle Schädlinge, wie Ratten und Wiesel, oder Raubtiere abhalten soll. Wer durch das Ur-Neuseeland "Zealandia" wandert, geht auf eine ökologische Zeitreise, die, nimmt man alle Wege zusammen, 32 Kilometer lang ist. Ich sehe Tiere, deren Namen ich nicht kenne: zum Beispiel Takahe, einen flugunfähigen Vogel, Kaka, einen Riesenpapageien, Kekeru, eine große Taube, oder Tuatara, eine Eidechsenart, die aussieht wie ein lebendes Fossil. Andere neuseelandtypische Tiere sind der Sattelvogel und der Zwergkiwi, von dem es hier noch 130 Exemplare geben soll. John heißt mein Guide, der mich zwei Stunden herumführt und mir alles geduldig erklärt. Er kann Vogelstimmen treffsicher nachahmen und sieht oder ahnt Eidechsen und Vögel aus weiter Entfernung.Wir nehmen einen der kürzeren Wege, doch haben wir eine große Anzahl der vom Aussterben bedrohten Tierarten gesehen. Ich bin dankbar für diese neue Erfahrung von Natursensibilität. Zu "Zealandia" gehört auch ein Besucherzentrum mit der Möglichkeit, sich auf spielerische Weise und interaktiv zu informieren. Auf zwei Ebenen befinden sich Multimedia-Exponate, und Schautafeln, die Neuseelands Naturgeschichte von prähistorischen Zeiten bis heute erzählen.

Am Nachmittag war ich noch als letzter Gast des Tages beim "Barber on Cuba Street" und habe mein Haar auf die pflegeleichte Länge von 0,8 Zentimeter stutzen lassen.

Wellington
Neuseeland
Rainer Small

36. Tag

8. Jan.

Neuseeland

Christchurch / Picton / Wellington

Magische Musik

Da die Küstenstraße bei Kaikoura wegen Erdbebenschäden unpassierbar geworden ist, muß der Inter City-Bus durch die Berge fahren. Die Strecke durch die Südalpen Neuseelands bis Picton, dem nördlichsten Punkt der Südinsel, beträgt 450 Kilometer und weitere 3 Std. 10 Min. mit der Fähre bis zur Landeshauptstadt Wellington. Die Alpen Neuseelands besitzen verwandte Züge mit den europäischen Alpen. Ich vermag nicht zu sagen, wie hoch unser erster Stopp, die „Alpine Motor Lodge“, gelegen ist, aber es ist erfrischend kalt und die Luft schmeckt nach Frost. Endlose tiefgrüne Höhenzüge und darüber ein Hauch von Schnee, mehr unberührte Natur kann ich mir kaum vorstellen. Dann wieder Weiden mit Hunderten von grasenden Kühen und Schafen. Jetzt endlich habe ich ein Bild davon, woher die anerkannt gute neuseeländische Butter stammen könnte. Gelegentlich Orte mit etwas Touristenbetrieb, bei uns nennt man so etwas wohl Sommerfrische, alles friedlich-freizeitlich und sportlich aufgelegt. Picton ist eine kleine Hafenstadt. Weinberge sind nicht weit entfernt. Das Fährschiff nach Wellington heißt Aratere und fasst 600 Passagiere. Ich checke ein und erhalte für meinen Voucher  eine Boardingkarte, allerdings ohne Sitzplatznummer, einige Meter weiter muss ich mein Gepäck aufgeben und bekomme eine Erkennungsnummer. Einen Ausweis zeigen muss ich nicht, gescannt wird auch nicht. Die Schiffsroute durch den Marlborough Sound und die Cook Strait zeigt Neuseeland von einer seiner schönsten Seiten. Ich suche mir einen Platz auf dem Oberdeck und erlebe dort etwas ganz Zauberhaftes, nämlich wunderbare Musik. Zwei junge Frauen spielen mit Geige und Akkordeon improvisierte Folklore, vielleicht englisch, vielleicht neuseeländisch. Ich weiß es nicht, aber die Musik nimmt mich gefangen, weil sie auf magische Weise zu der fjordartigen Landschaft um mich herum passt. Als ich in Wellington ankomme, ist es 22:00.


Wellington
Neuseeland
Rainer Small

35. Tag

7. Jan.

Christchurch

Kunst und Street Art - eine private Fotogalerie in 24 Bildern

Schräg, schrill und schön

Für heute, meinen letzten Tag in Christchurch, nehme ich mir ein kleines Projekt vor. Ich möchte einmal keine nachdenklichen Texte schreiben über Dinge, zu denen mir ein wirklicher Zugang fehlt. Ich möchte durch die Innenstadt gehen und von allen Bildern an Häusern und anderen Wänden, die mir auffallen, Fotografien machen. Sie sollen einen Einblick geben in das kreative Potential der Stadt, das unbeeinflusst ist von dem großen Unglück.Ich kommentiere nicht, merke aber an, daß derartige Aktionen im öffentlichen Raum auf ausdrücklichen Wunsch der Stadt entstanden sind und weitergeführt werden sollen, damit Christchurch, wenn es einmal in zehn und mehr Jahren wieder aufgebaut ist, eine lebenswerte Stadt besonders für junge Menschen und kreative Geister werden kann.

Rainer Small

34. Tag

6. Jan.

Neuseeland

Christchurch

185 weiße Stühle

Die Region von Christchurch hat schon viele Erdbeben und gefährliche Nachbeben erlebt. Verantwortlich dafür ist der pazifische Feuerring, der "Ring of Fire". Mit einer Stärke von 6,3 war das Beben vom Februar 2011 nicht einmal das heftigste, aber das zerstörerischste.185 Menschen sterben, innerhalb weniger Augenblicke sind weite Teile der Stadt verwüstet worden. Mehr als 10.000 Häuser sind zerstört oder mussen später abgerissen werden, weil sie nicht mehr zu sichern sind. Fast jedes Haus hat einen Schaden davongetragen Lange Zeit gleicht die Innenstadt einer militärischen Sperrzone. Der wirtschaftliche Schaden für die Stadt und das Land sind unübersehbar. 100 Millionen Neuseeland-Dollars fließen wöchentlich in das Wiederaufbauprogramm, so erfahre ich.

Doch wie es ist im Leben so ist, aus der Zerstörung wächst die Kraft für das Neue. Was für die Menschen eine Katastrophe ist, wird für die Stadtplaner ein Modellfall und für die Kunstszene ein grenzenloses Experiment. Am Ende aller Überlegungen, in zehn Jahren vielleicht, soll die Stadt jünger, lebenswerter sein als jemals zuvor und die sicherste in Neuseeland. Doch wie baut man ein neues Stadtzentrum und wer hat den Masterplan dazu? Wieviel von der historischen Bausubstanz kann bewahrt werden? Aber damit nicht genug: Christchurch liegt in einem küstennahen Schwemmgebiet, das trockengelegt wurde. Der Boden unter der Stadt besteht hauptsächlich aus feuchtem Sedimentgestein, das während des Bebens große Wassermassen aufgenommen hat. Er ist eher flüssig als stabil. Das Erdbeben hat Fluten von Schlamm freigesetzt und viele Häuser auf Dauer unbewohnbar gemacht. Ein Problemfall ist die anglikanische Kathedrale. Der über 60 Meter hohe Turm ist eingestürzt, im Chor klafft ein riesiges Loch, die Fundamente verfaulen im nassen Untergrund. Seit sechs Jahren gibt es Streit zwischen den Kirchenbehörden und den Denkmalschützern, ob und wenn ja, in welcher Form wieder an gleicher Stelle ein Gotteshaus entstehen soll. Was auch immer mit der Kathedrale geschieht, ob Erhalt oder Neubau, die Kosten sind unübersehbar. Schon die Ureinwohner, wußten, daß der Boden hier schwammig ist, aber das haben sie den englischen Neuankömmlingen und Siedlern nicht mitgeteilt.

Ein Passant wie ich, der kaum drei Tage in der Stadt ist, muss die Spuren des Neuen auf dem Boden des Alten lesen lernen. Deswegen möchte ich mich dem kreativen und innovativen Potential zuwenden. Stellvertretend für den Willen, die Stadt wieder lebenswert zu machen, ist das Projekt Re:Start an der ehemaligen Einkaufsstraße Cashel Street. Dort ist eine Einkaufsstadt im Miniaturformat entstanden. die vorgezogene Wiedergeburt, von etwas, was kommen soll. Farbige Schiffscontainer, aufeinandergestellt und nebeneinandergesetzt, ersetzen geplante Geschäfte, darunter Banken, ein Postamt (wo ich Briefmarken kaufe), Cafés und Restaurants. Dazwischen viel Blumen und viel Kunst, Straßenmusiker und Imbissstände. An der Re:Start Mall öffnete im Februar 2013 das Museum Quake City seine Pforten. Eine sehenswerte Dokumentation der Erdbeben 2010 / 11 mit Fotos, Videos, Informationstafeln und Ausstellungsobjekten.

Vergessen will ich nicht, dass Christchurch eine nostalgische Tram hat, die ihre Runden durch die Innenstadt dreht und dabei sogar durch ein kleines Einkaufszentrum, die Cathedral Junction, fährt. Das Canterbury Museum gibt einen sehr guten Überblick über die Geschichte des Landes und würdigt auch die Tatsache, daß die historischen Antarktis-Expeditionen vom Hafen der Stadt ausgegangen sind. Und schließlich noch ist Christchurch immer noch die "Garden City" Neuseelands, was sich in vielen gepflegten englischen Landschaftsgärten ausdrückt, über die sich sicherlich auch Queen Victoria gefreut hätte

Ein Bild vergesse ich nicht: 185 unterschiedliche weiße Stühle, die ein Künstler an einer Straßenkreuzung zusammengestellt hat, symbolisieren 185 unterschiedliche Leben, die ausgelöscht worden sind. Für mich eine sehr persönliche Anmerkung zu einem Thema, das mich innerlich sehr angenagt hat und das ich weiterhin aus der Ferne verfolgen werde. Meine Betrachtungen dazu möchte ich an dieser Stelle abschließen.


Christchurch
Canterbury, Neuseeland
Rainer Small

33. Tag

5. Jan.

Australien / Neuseeland

Brisbane / Christchurch

18.650 Kilometer von zu Hause

Nach angenehmem Flug mit Virgin Australia bin ich in Christchurch im wahrsten Sinn auf dem Boden der Realität gelandet. Mit Landung in der (nach Auckland und Wellington) drittgrößten neuseeländischen Stadt bin ich 18.650 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt, weiter weg bin ich nie gewesen. Untergekommen Ich bin in einem Motel am Rand der Innenstadt, mit Kochecke und Parkplatz vor der Türe. Beides ist praktisch, aber nicht notwendig. Anspruch. Zur Innenstadt von Christchurch muss ich etwa zwei Kilometer durch den großen Hagley-Park gehen. Das Wetter an diesem Tag ist sehr frisch, ich schätze etwa 12 Grad kälter als im subtropischen Brisbane. Je näher ich der Stadt komme, desto mehr fällt mir eine lethargische Grundstimmung auf. Bei all meiner Reiseeuphorie habe ich das große Erdbeben vor nunmehr sechs Jahren ausgeblendet, das die Innenstadt und besonders fast alle historischen Gebäude zu weiten Teilen zerstört hat. Mein erster Eindruck, das sieht ja aus wie nach einem Bombenangriff, ist so falsch nicht. Es fällt mir schwer, mit dieser Wahrnehmung fertig zu werden. Das Erdbeben hat die Bevölkerung vollkommen unvorbereitet in der Nacht des 22. Februar 2011 getroffen. Ich habe es komplett verdrängt. Jetzt fehlen mir die notwendigen Informationen dazu. Keine Ahnung, wie es nun weitergeht mit der Stadt, die als die englischste Stadt außerhalb Englands gilt.

Nach dem großen Beben

Christchurch ist eine junge Stadt, erst 1850 gegründet, jedoch nicht von Häftlingen wie in Australien, sondern von angeworbenen und ausgebildeten Arbeitskräften aus England. In ihrer neuen Kolonie wurden die englischen Siedler schell sesshaft. Dazu gehörten die eigenen Religion und der Bau von Gotteshäusern. Alle Straßen und Plätze tragen englische Namen, bei den zerstörten Gebäuden könnte noch Queen Victoria den Grundstein gelegt haben. Ein Erdbeben von solchem Ausmaß dürfte auch einen Großteil der englischen Architektur von Christchurch zerstört haben, denke ich mir.

Ich kann die Fülle der Eindrücke noch nicht sortieren.Es gibt eine anglikanische Kathedrale, bei der Kirchturm komplett eingebrochen ist, bzw. fehlt. Noch sehe ich mehr Abrissbagger als Baugerüste. Ich stelle fest, dass es viele künstlerische Aktivitäten, Streetart und Skulpturen im öffentlichen Raum gibt. Freiliegende Hauswände sind zu Leinwänden für ausdrucksstarke Porträts geworden. Verwirrt und verwundert wandere ich in mein Motel zurück und treffe am Rand des Hagley Parks auf einen Namen, der mir von der Ruhrtriennale in Bochum her bekannt vorkommt, den des Düsseldorfer Lichtkünstlers Mischa Kuball. Er hat im Rahmen seiner Aktion "Solidarity Grid" im Oktober 2015 der Stadt Christchurch den Nachbau einer alten Düsseldorfer Gaslaterne geschenkt. Als Zeichen der Solidarität für eine Stadt, die wiederholt von Erdbeben heimgesucht worden ist. Morgen mache ich eine Stadtrundfahrt, dann erfahre ich mehr über die Stadt.


Christchurch
Canterbury, Neuseeland
Rainer Small

32. Tag

4. Jan.

Australien

Fraser Island / Brisbane

Flugzeuge am Strand

74 Farben soll der Sand auf Fraser Island haben. In der Kürze der Zeit kann ich es nicht überprüfen, aber ich kann bestätigen, dass es  an seiner mineralischen Zusammensetzung liegt. Der 75-Miles-Beach ist eine Autobahn. Höchstgeschwindigkeit: 80 Stundenkilometer. Die können jedoch nur bei Niedrigwasser und trockener Fahrspur erreicht werden. Und auch nur dann, wenn gerade kein Flugzeug entgegenkommt. Denn der Highway dient auch als Landepiste für kleine Passagierflugzeuge. Einige Pfähle im Sand markieren die Landebahn, und Flugzeuge haben in der Regel Vorfahrt vor Autos.

Der Eli Creek ist der längste Bach auf der Insel. Er ist fünf Kilometer lang und mündet im Pazifik. Er ist ein beliebter Platz zum Schwimmen und Picknicken, oder  man kann, weil er nur knietief ist, mit der sanften Strömung hinunterwandern und mit etwas Glück Aale sehen. Manchmal muss man tiefhängenden Ästen ausweichen. Es gibt noch viele Geschichten über Fraser Island zu erzählen. Gerne wäre ich länger geblieben. Schon jetzt bekomme ich beim ersten Blick zurück eine Art Gänsehautgefühl, hier etwas Einmaliges gesehen und erlebt zu haben.


Eurong
Queensland, Australien
Rainer Small

32. Tag

4. Jan.

Australien

Fraser Island / Brisbane

Schiffswrack S.S. Maheno

Die S.S. Maheno wurde zwischen 1905 bis 1935 als Passagierschiff von der Union Company New Zealand in der Tasmanischen See zwischen Neuseeland und Australien eingesetzt. Im Ersten Weltkrieg kam sie auch als Lazarettschiff zum Einsatz. Sie konnte 420 Passagiere (210 erste Klasse, 120 zweite Klasse und 60 dritte Klasse) befördern und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 17,5 Knoten. Für die Passagiere der 1. Klasse standen ein Speisesaal, ein Rauchersalon und ein Musiksalon mit Bechstein-Flügel zur Verfügung. Sie wurde elektrisch beleuchtet und war mit den modernsten Sicherheitsvorrichtung - u. a. Schwefeldioxyd-Feuerlöschern - ausgestattet. Am 03.07.1935 verließ sie mit der Oonah - mit einem Seil verbunden - Sydney, um in Osaka abgewrackt zu werden. Am 7. Juli.1935 gerieten beide Schiffe etwa 50 Meilen vor der Ostküste in einen Zyklon, wobei das Verbindungsseil riß. Am 8. Juli erreichte ein telegraphischer Bericht über ihr Schicksal die Außenwelt: "Sofort Hilfe schicken, Seil zur Maheno gerissen". Die Maheno wurde letztendlich am 10. Juli.1935 am Strand von Fraser Island gefunden. Für einen Zeit lang stand sie zum Verkauf, jedoch ohne Erfolg. Heute sind nur noch die oberen Decks sichtbar.

Eurong
Queensland, Australien
Rainer Small

31. Tag

3. Jan.

Australien

Brisbane / Fraser Island

Einmaliges Naturwunder

Alle meine Zweifel, dass etwas nicht klappen könnte, sind schnell zerstreut. Am großen Brisbane Coach Terminal, das sich über drei Stockwerke erstreckt, stehe ich zuerst vor den falschen Bussen auf der falschen Etage, aber nach dreimaligem Fragen, bin ich am richtigen Ort: dort, wo drei Landcruiser von der Firma Sunrover stehen und mit dem Gepäck der Passagiere bestückt werden. Also lasse ich auch mein Gepäck hochwuchten und darf (Achtung: Vorteil Alleinreisender und Senior) auf den Beifahrersitz Platz nehmen. Die sechs weiteren Mitfahrer, allesamt Briten und eine Brasilianerin dürfen sich auf den hinteren Sitzbänken anschnallen. Ziel ist die Naturwunderinsel Fraser Island (275 Kilometer nördlich von Brisbane), die größte Sandinsel der Welt (Länge 123 Kilometer). Small Talk und australischer Rock aus dem Radio machen die Fahrt unterhaltsam. An dieser Stelle will ich anmerken, dass ich mit dem englisch-australischen Schlabber-Slang Verständnisschwierigkeiten habe. Mit der sprachlichen Dichte, den spontan dahingeworfenen Wortschöpfungen, dem speziellen Akzent und der Liebe zu Abkürzungen (z.B.: "Ki" für "Kilometer") komme ich nicht klar, weil ich einfach zu langsam höre. Und wenn sie schmutzige Witze erzählen, was sie gerne und oft tun, steige ich aus der Kommunikation aus. Wir fahren in Eskorte über den Sunshine Coast Motorway, der an diesem Tag unter Wolken liegt, bis wir die Fähre nach Fraser Island erreichen, Zuvor noch senkt der Fahrer den Reifendruck des Landcruisers. So kommt man besser durch feuchten Grund und über unebene Böden, meint er. Die Piste, auf der wir dann doch einige Stunden unterwegs sind, stellt hohe Anforderungen an Mensch und Material. Trockenharte Bodenwellen und rutschiger Sand mit tiefen Spurrillen lösen sich ab. Die angeschnallten Mitfahrer auf den Hinterbänken werden durcheinandergewürfelt, haben aber ihren Spass dabei. Ich kann mich gegen das Armaturenbrett stemmen. Meine Mitreisenden wohnen auf einem Zeltplatz mit Gemeinschaftsküche und naturnaher Biertischatmosphäre unter sternenklarem Himmel.

Fraser Island ist ein einziges Naturwunder, nicht nur wegen des berühmten 75 Miles-Strandes, sondern wegen des subtropischen Regenwaldes, der auf diesem Sandboten schon seit vielen tausend Jahren wächst. Jurassic Park ist der erste Vergleich, der mir einfällt, Riesenfarne von vier Meter Breite und  Kauri-Bäume, deren unglaublich breite Stämme in den Himmel wachsen. Fraser Island hat schon viel erlebt, bevor es 1992 auf die Liste des Weltnaturerbes kommt und dadurch auch für Touristen sehr beliebt wird. Dafür im besten Sinne ursächlich verantwortlich sind die Ureinwohner, die hier vermutlich schon seit 5.000 Jahren gelebt haben. Australien kennt viele Schöpfungsmythen. Die ersten Einwohner dieser Insel, waren die Butchulla, die dieser Insel den Namen K’Gari gegeben haben, was übersetzt etwa Paradies bedeutet.Sie haben die Basisregeln für sozial-ökologisches Verhalten im Einklang mir der Natur aufgestellt: Was immer für das Land gut ist, kommt zuerst. Wenn du viel hast, must du teilen. Nie etwas nehmen, was dir nicht gehört. Klingt doch sehr modern, oder?

Fraser Island ist in vieler Hinsicht etwas Besonderes. Der Lake Mckenzie gehört zu den größten Attraktionen. Der Süsswassersee liegt in 100 Meter Höhe. Er ist fünf Meter tief, sein Wasser ist kristallklar. Schneeweißer Sand aus Silizium bildet einen faszinierenden Kontrast zum  blauschimmernden Wasser. Der See hat keinen Abfluss und wird allein von Regenwasser gespeist. Für Besucher sind Picknick- und Campingplätze, aber auch Grill- und Toiletten-Anlagen eingerichtet. Der See ist frei zum Schwimmen, nur sollen Badende auf Sonnenlotion, Insektenschutz und Seife verzichten. Insgesamt gibt es nehr als 150 Seen auf der Insel. Mit 11,4 Metern der tiefste ist der Lake Wabby, der von Wasserschildkröten bewohnt wird. Der Wanderweg von 2,5 Kilometern, der über sandigem Boden durch dichten Wald führt, endet auf einer großen Düne, die sanft in den See hineinführt. Hineinrutschen wäre schön, darf man aber nicht.

Ein Kuriosum ist die Central Station (Hauptbahnhof) der Insel. Sie ist ein ehemaliges Holzfällerlager und stammt aus einer Zeit, in der Insel noch für den Schiffsbau Holz liefern musste. Dingos, die wilden Hunde, von denen es hier knapp uber 200 geben dürfte, scheinen der Staatsfeind Nr. 1 auf der Insel zu sein. Überall wird vor ihnen gewarnt, wie vor bösen Raubtieren. "Be Dingo.safe! " steht auf vielen Straßenschildern, was heißen soll: Nicht füttern, in Gruppen gehen, nicht weglaufen, keine Essensabfälle zurücklassen. Meiner Meinung nach wird zu viel Theater um die Dingos gemacht, aber ich habe auch keinen gewesen und unterschätze sicherlich ihre wahre Gefährlichkeit.

Rainer Small

30. Tag

2. Jan.

Australien

Brisbane

Neue Ziele und leichte Unruhe

Gestern am Neujahrstag habe ich mir ein hellblaues Abenteuerhemd der neuseeländischen Marke Kathmandu für 60 € gekauft, ein High-Tech-Hemd mit allem Komfort, insektenabweisend, sonnendicht bis Lichtschutzfaktor 50+, für hochgerollte Ärmel eine eingebaute Knopfleiste, im Schulterbereich verdeckte transparente Fenster zum Wärmeausgleich usw. Ich habe die Größe XL ausgesucht. Im Hotel angekommen, hatte das Hemd auf einmal die Größe S. Irgendwie muss es in der Tüte kleiner geworden sein. Aber, sei's drum, der Umtausch ist vollkommen problemlos. Ich mache noch eine Runde durch den großartigen Botanischen Garten von Sydney und beginne beim Rückweg zum Hotel leicht zu schwächeln. Ich spüre, dass ein Klimawechsel in der Luft liegt, außerdem bin ich leicht nervös, weil ab morgen, 3. Januar, unruhigere Tage beginnen. Erst einmal geht es zu einer Übernachtung nach Fraser Island, einem der großen australischen Naturwunder, der größten Sandinsel der Welt, auf der Regenwald wächst, Srandlänge 100 Kilometer mit viel Beiprogramm, wie Wracks, Wale und wilde Hunde, die hier Dingos heißen, gucken. 6:45 geht es los, da muss ich am großen Busterminal sein mit Tages- und Nachtrucksack ausgestattet. Vorher muss ich auschecken und Klarheit haben, wo ich mein Reisegepäck lasse. Ich weiß nicht, ob es auf dem Busterminal Schließfächer gibt oder ob ich meine 23kg-Reisetasche mitschleppen muss. Funktionsfähiges Internet wird es wahrscheinlich auf Fraser Island nicht geben. In zwei Tagen bin ich dann wieder in einem anderen Hotel in Brisbane und muss dann am 5. Januar um 5:45 bereit sein, um zum Flughafen zu fahren und den Flug nach Christchurch (Neuseeland) zu erreichen. Da werden die Karten neu gemischt, weil aufgrund des Erdbebens vor ein paar Monaten eine wichtige Küstenstraße unpassierbar geworden ist. Aber damit beschäftige ich mich jetzt noch nicht. Um 20:00 setzt starker Regen ein, der sich die Nacht hindurch fortsetzt.

  • Missing
    Ulla hat am kommentiert:

    Danke lieber Rainer, dein Tipp hat geholfen.
    Hoffentlich hast du deine Datenlimit noch nicht erreicht, ich hätte dann
    nichts mehr zu lesen und anzusehen, oder?
    Liebe Grüße Ulla

Rainer Small

29. Tag

1. Jan. / Neujahr

Australien

Brisbane

Kirchen

Heute ist Neujahr, ich lasse es ruhig angehen. Beim Gang in die Stadt höre ich einen Gottesdienst-Chor in einer anglikanischen Kirche. Die Stimmen locken mich an und ich bleibe am Eingang stehen. Der Pfarrer, der eben noch vor der Kanzel predigte, sieht mich und kommt in meine Richtung. Er schüttelt meine Hand, als wäre ich ein Gemeindemitglied und wünscht mir ein "Frohes Neues Jahr". Die größte Kirche in der Stadt ist die anglikanische St.-Johannes-Kathedrale. Stände sie nicht im Schatten der Hochhäuser, sie wäre wegen ihrer Größe vielleicht das bedeutendste Gebäude der Stadt. Einem Informationsblatt entnehme ich, dass diese Kathedrale womöglich die letzte in der Welt ist, die in neo-gotischem Stil gebaut ist. Der Grundstein dazu wurde 1901 gelegt. Heute ist sie nicht nur der offizielle Sitz des Erzbischofs; als Pfarrkirche der Gemeinde ist sie auch ein Konzert- und Ausstellungsraum und eine Stätte stiller Einkehr. Die Schwüle des Tages ebbt nicht ab, Regenschirme müssen Schatten spenden.

Brisbane
Queensland, Australien
Rainer Small

28. Tag

31. Dez.  / Silvester

Australien

Brisbane

Breakfast Creek Hotel hat 67 Zapfhähne

Außerdem gibt es heute noch eine Stadtrundfahrt mit Chinesen und Japanern. Zu besichtigen ist ein Weltrekord, nämlich die -  vielleicht - größte Ansammlung von Rumflaschen in einer Bar, über 400 Flaschen sollen es sein. Wenn auch überall der Alkoholkonsum streng überwacht wird, es gibt historische Kneipen, in denen etwas unkontrollierter getrunken wird. Eine solche ist das Breakfast Creek Hotel aus dem Jahr 1889, in dem es längst  keine Gästezimmer mehr gibt. Diese allerdings sind früher notwendig gewesen, damit überhaupt ein Gasthaus mit Barbetrieb eröffnen kann. In sechs Bars, alle mit eigener Historie, fließt das Bier durch ingesamt 67 Zapfhähne, Ein Kuriosum ist, dass es hier als einer der letzten Kneipen in Australien noch Bier aus Holzfässern gibt. Das Breakfast Creek  gehört zum nationalen Kulturerebe des Landes. An den Wänden hängen Fotos prominenter Besucher: Michail Gorbatschow, Sir Cliff Richard, Russell Crowe. Leider habe ich bei Besichtigung des Breakfast Creek als Fotograf total versagt. Ich habe nicht bemerkt, dass mein Kameraobjektiv oder meine Brille beschlagen ist, was daran liegen mag, daß der heutige Tag besonders hochsommerlich schwül ist und sicherlich noch noch heißere Tage folgen werden. Zu einem eingetrübten Bild von der Rumbar reicht es noch soeben.

Eines der historischen Wahrzeichen von Brisbane ist die Alte Windmühle, das älteste noch von Sträflingen errichtete Bauwerk. In seiner bewegten Geschichte hat es auch als Signalstation, Fernsehantenne und Observatorium gedient. Heute ist sein Wert nur noch historisch. Eine Schifffahrt über den Brisbane River zeigt die Weitläufigkeit und wirtschaftliche Bedeutung dieser Stadtregion, die mit über 2,1 Millionen Einwohnern die drittgrößte Australienes nach Sydney und Melbourne ist. Grundstücke mit Flussblick erzielen auch hier Preise, die sich nur gutverdienende Prominente und andere Wohlhabende leisten können 

Brisbane
Queensland, Australien
Rainer Small

28. Tag

31. Dez.  / Silvester

Australien

Brisbane

Highlight am Himmel

Dieses Feuerwerk will ich auf keinen Fall vermissen. Allein deswegen bin ich ja nach Australien gereist. Lieber noch wäre ich zwar jetzt vor der Harbour Bridge in Sydney, aber Brisbane hat einen anderen Charme. Zum zweiten Mal muss ich heute meine Tasche öffnen. Alkohol in der Öffentlichkeit, das geht nicht. Die Konsequenz, mit der sich alle daran halten, ist bewunderswert. Es ist 18:15 und ich nehme am Südufer des Brisbane River auf einer Steinbank (ohne Rückenlehne) einen vielversprechenden Platz mit guter Sicht ein und richte mich auf eine lange Wartezeit ein. An Kissen oder ähnliches habe ich natürlich nicht gedacht. Vor mir der Durchhgangsweg, davor eine Liegewiese. Langsam laufen die "Brissies", viele mit Familie, ein und suchen sich ihre Plätze. Hinter mir, an der Fast-Food-Meile, sehe ich etwas, was ich noch nie gesehen habe: mobile Geldautomaten, oder, wie es hier heißt, "atm2go", und das ohne persönliche Bewachung. Kann sich einer vorstellen, wie lange solche Automaten in Deutschland unversehrt stehen würden? Aber hier, so scheint es, ist dieser Service Teil der Normalität in einer Gesellschaft, die ich als weitgehend kriminalitätsfrei wahrnehme. Ich behalte meinen Platz inne und habe ausgiebig Zeit, die flanierenden "Brissies" zu betrachten. Mit meiner übermütigen Schätzung, dass hier bis zu 1 Mio. Besucher erwartet werden, liege ich komplett daneben. Mindestens 150.000 dürften es aber schon sein, und ein Zehntel davon ist sicherlich an mir vorbeiflaniert. Jetzt weiß ich in etwa, wie sich die Bevölkerung von Queensland zusammensetzt und welchen Umgang man pflegt. Soziale Unterschiede sind seriös nicht feststellbar, ethnische sehr wohl. Auf einer Großbildwand läuft ein Animationsfilm, "Ice Age" oder ähnliches, gelegentlich Hinweise auf die Standorte von Toiletten und Geldautomaten. Kurz vor 20:30 geht ein Raunen durch die Menge. Das Feuerwerk, mit dem ich 3,5 Stunden später gerechnet habe, beginnt mit aller Energie genau jetzt und dauert genau zehn Minuten. Ende: 20:40 bei wolkenlosem Nachthimmel. Warum so früh, frage ich mich. Die Feuerwerks-Party scheint zu Ende, das Bühnenprogramm an der Southbank nimmt Fahrt auf. In der Tat, das Brisbane-Feuerwerk fängt aus rein familienfreundlichen Gründen so früh an. So haben alle mehr davon (pardon, auch mein Sitzfleisch hat sich sehr darüber gefreut), und es steht nicht in Konkurrenz zu anderen großen Feuerwerken im Lande. Genau das habe ich vorher nicht gewußt. Ich trabe langsam zurück, unterwegs Straßenparties mit Hare-Krishna-Jüngern und Musikgruppen aller Art. Ich kehre ein im englischen Pub "Pig 'N' Whistle" und trinke ein großes blondes Bier. Draußen sind es immer noch 28 Grad. Stunden später sehe ich im Fernsehen im Hotel die Live-Ubertragung des Sydney-Feuerwerks und beim Blick aus dem Fenster das pünktlich um 24:00 beginnende ganz normale Silvester-Feuerwerk über Brisbane. So habe ich in einer einzigen Nacht zu zwei verschiedenen Zeiten zwei Feuerwerke gesehen. Ist das nicht schön?
 

Brisbane
Queensland, Australien
  • Missing
    Werner Kreuz hat am kommentiert:

    Hallo nach Australien,
    da ihr uns ja um ein Jahr voraus seid, wollte ich mich nur mal schnell erkundigen, was das neue Jahr so mit sich bringen wird ...
    Ihnen ein supertolles JAhr 2017, viele beeindruckende Erlebnisse, jede Menge neue DND-Schilder und natürlich Gesundheit und Spass

    Beste Grüße noch aus dem alten Jahr
    Werner Kreuz

  • Missing
    Ulla hat am kommentiert:

    Hallo Rainer, liebe Grüße aus Bocholt und ein gutes neues Jahr.
    Es macht Spaß, deine Berichte zu lesen, so können wir
    doch ein bischen teilnehmen an deinen Abenteuern.
    Moni, Gaby und Ulla

  • Small
    Rainer hat am kommentiert:

    Liebe Bocholter/Innen
    schön, dass wir uns auf diesem ungewöhnlichen Weg austauschen können. Auch für Euch alle ein prächtiges Jahr 2017 mit vielen freudigen Ereignissen. Wie Ihr zu Recht vermuten dürft, mir geht es prima in der großen weiten Welt. Beste Neujahrsgrüße natürlich auch von Petra.
    Rainer aus Australien

Rainer Small

27. Tag

30. Dez.

Australien

Brisbane

Museumsbummel

Brisbane, 9:30, Außentemperatur: 32 Grad, schwül. Ich gehe noch einmal über die Queen Street und mache halt am Besucherzentrum, um mich über den Ablauf des Silvester-Feuerwerks zu informieren. Ich schaue tiefer hinein in das Gebäude und sehe, dass der Touristendienst mit all seinen Displays für Hunderte von Info-Broschüren in der Empfangshalle eines Theaters untergebracht ist. Das befremdliche Innere erinnert an eine spanische Kapelle. Die Deckengemälde sehen gotisch aus, religiöse Szenen aus dem Frühmittelalter schmücken die Wände, an der Decke ein großer Kandelaber. Ich frage mich, was die ganze Pracht an diesem profanen Ort soll und erhalte Aufklärung. Die Kirche ist ein Kinopalast, der "Regent Theatre" heißt und 1929 als viel gepriesenes stilistisches Meisterwerk  eröffnet worden ist. Das Kino mit Bühne stammt aus einer Zeit, in der die amerikanischen Filmgesellschaften rund um die  Welt noch eigene Kinos für ihre Filme bauten und motivisch ausstatteten, so auch in Australien. Die meisten dieser sakral wirkenden Kinopaläste sind längst abgerissen, doch das "Regent" hat überdauert. Der letzte Film, der hier gezeigt worden ist, war der "Untergang der Titanic".
Etwas verwundert mische ich mich wieder unter das einkaufende Volk auf der Queen Street. Meine Info habe ich auch bekommen: Das Feuerwerk genießt man am besten vom Südufer des Brisbane River aus, der sich in weiten Bögen durch die Stadt zieht und schon oft bedrohliches Hochwasser in sie hineingetragen hat. Für Sydney spricht man schon jetzt von über 1,5 Millionen Zuschauern für das Silvester-Spektakel, die Zahlen für Brisbane dürften nicht sehr weit davon entfernt sein, so hoffe ich voller Vorfreude.

Ich vermute, dass die Hauptstadt von Queensland noch andere Überraschungen bereithält und werde nicht enttäuscht. Der Südteil der Innenstadt ist ein großer kultureller Freizeit- und Bildungspark, wo 1988 sogar die Weltausstellung abgehalten wurde. Ich möchte kein Stadtporträt schreiben, will aber mitteilen, was ich in Brisbane unternommen habe. Zuerst einmal war ich auf dem Riesenrad, um aus 60 Metern etwas vom Panorama der Stadt zu sehen. Architektonisch prägend für die Architektur an der Wasserfront des Brisbane River ist das Queensland Performing Arts Center (QPAC), wo in den nächsten Wochen viele internationale Showgrößen und Musikbands auftreten, darunter auch Liza Minelli, die eigentlich kaum mehr in Erscheinung tritt, der britischer Geiger Nigel Kennedy mit seinen "Vier Jahreszeiten", eine Beatles-Nachspielband und die originalen Hollies. Alle diese Künstler dürften zuvor bereits im Sydney Opera House aufgetreten sein, so vermute ich. Das Musical der Saison heißt Matilda.

Brisbane ist reich an Geschichte und ein Ort, der wie viele andere an der australischen Ostküste, aus der Zwangsbesiedlung mit englischen Gefangenen (ab dem Jahr 1825) entstanden ist. Als die Zeiten etwas freundlicher wurden, kamen weitere Siedler aus aller Welt, die auch ihre Religionen mitbrachten. Beim Wandern durch die Stadt sehe ich viele Kirchen und Kathedralen verschiedenener christlicher Gruppierungen, ich sehe eine Bücherei der Theosophen und einen Treffpunkt der liberalen Katholiken von St. Alban. Die Menschen scheinen in Glaubensfragen besonders tolerant zu sein. Eine Beobachtung, die ich nicht zum ersten Mal in Australien mache.

Wirklich verwundert hat mich, was Brisbane an Bildender Kunst zu bieten hat. Ich mache einen kleinen Museumsbummel. Bei freiem Eintritt besuche ich die Queensland Arts Galerie (QAG) und das Natur- und Wissenschafts-Museum. Im Naturkundemuseum wird das Naturleben in dem Bundesstaat Queensland seit Sauriers Zeiten dokumentiert und mit Fundstücken belegt. Riesentintenfische und anderes ursuppiges Getier sind lebensecht präsentiert. Alles was fliegt, hüpft und krabbelt, ist ausgestopft und präpariert und hat sein Schaufenster gefunden. Die Spinnen schaue ich mir genauer an und finde alle ihre Spezies in unlebendiger Lebensgröße vereint. Das Zentrum für Bildende Kunst wird gerade vergrößert und modernisiert. Es zeigt repräsentative Bilder australischer Kunst aus den vergangenen zwei Jahrhunderten, die belegen, in welchem Maß sie von eingewanderten Europäern beeinflusst ist. Bilder, die wir kennen, doch anders belichtet und neu aufgelegt. Viele private Sammler und Galeristen haben sehenswerte Bilder aus Australien zusammengetragen, aber auch Fotokunst aus Indien und Porzellan aus China. An europäischer Kunst entdecke ich Albrecht Dürers Holzschnittserie von der Apokalypse, ein Bild von Lucas Cranach und einen Tintoretto. Lange verharre ich vor drei Bauernbildern von Pieter Breughel dem Älteren, Motive mit Eselskarren, Bauern beim Sensen, eine schlittschuhlaufende Dorfbevölkerung. Natürlich keine flämischen Originale, sondern in 3D digitalisierte und mit Ton versehene Kopien, auf denen sich die Figuren stilgerecht bewegen. Sieht ein wenig aus wie Alte Meister im Disneyland. Viel gibt es zu sehen im QAG, moderne Stammeskunst und einen Überblick zur Gegenwartskunst von Papua-Neuguinea.

Brisbane
Queensland, Australien
Rainer Small

26. Tag

29. Dez.

Australien

Gold Coast Surfers Paradise / Brisbane

Queen Street

Zu Brisbane kann ich noch nicht viel sagen. Auf den ersten Blick und bei einem abendlichen Spaziergang durch die Geschäftsstaße Queen Street fällt mir auf, dass die großen Modemarken auch in der Hauptstadt des Bundesstaates Queensland vertreten sind und die Geschäfte früh schließen. Brisbane hat ein schönes Flusspanorama mit einer spektakulären Brücke und - warum auch nicht - ein Riesenrad. Die öffentlichen Gebäude sind in wechselnd farbiges Licht getaucht und ein Spielcasino in einem historischen Gebäude gibt es auch.

Was ich auf dieser Reise überall erlebe: Die öffentlichen Lifte wie auch Hotellifte verfügen über eine große Passagierkapazität, nahezu in der Größe eines gut gefüllten U-Bahn-Wagens. Will man in einen Lift hinein, wird man von denen, die hinauswollen, überrollt. Will man hinaus, wird man von denen, die hineinwollen nicht rausgelassen. OK, jetzt habe ich stark übertrieben, denn mehr als 18 Personen dürfen es nicht sein, aber für eine indischen Großfamilie ist das manchmal zu wenig.

Gold Coast
Queensland, Australien
Rainer Small

25. Tag

28. Dez.

Australien

Gold Coast Surfers Paradise

Spinnennester und Kuckucksuhren


Was mich der heutige Tag lehrt: Bumerangs sind keine Frisbees, die man horizontal wirft. Heute habe ich dreimal versucht, einen Bumerang unter Anleitung zu werfen. Das Ergebnis: dreimal verschieden schlecht. Stark vereinfachend gesagt: Man sorge für 50 Meter freien Raum, prüfe die Windrichtung, nehme den Bumerang zwischen Daumen und Zeigefinger, achte darauf, dass die bemalte Seite nach außen zeigt, führe ihn hinter die Schulter und werfe ihn schwungvoll in einem 45 Grad-Winkel nach vorne. Der Bumerang bekommt Rotation und kommt zum Werfer zurück oder auch nicht. Auf jeden Fall entwickelt er in der Luft ein unberechenbares Eigenleben, das abhängig zu sein scheint von Windstärke, Luftdruck, Sonnenstand und Erdanziehung. Diese Übungsstunde für ungeschickte Bumerang-Werfer wie mich ist nur ein Zwischenspiel in einer ganztätigen Wilderness-Tour auf den Mt. Tambourine und in den Lamington National Park. Als Einzelperson kann ich neben dem Fahrer Platz nehmen, ein ebenfalls alleinreisender Engländer kommt hinzu und nimmt auf einem hinteren Einzelsitz Platz. Eine Gruppe muss abgeholt werden. Sie besteht aus 14 bunt gemischten Chinesen - sorry, anders kann ich es nicht ausdrücken - , die sich auch untereinander nicht immer sprachlich verstehen. Neben dem unverständlichen Wortefluss ist mir auch deren Körpersprache fremd. Chinesen drücken Emotionen wie Überraschung oder Ängstlichkeit anders und auch in anderer Stimmlage aus. Wir tauschen Freundlichkeiten aus, lassen einander den Vortritt und bleiben uns fremd. Insgesamt sitzen wir zu 17 Personen in einem sehr geländegängigen Bus. Die Piste auf den Mt. Tambourie ist rauh, manchmal steil und manchmal abschüssig, aber auf jeden Fall abenteuerlich. Die Chinesen schreien vor Glück und machen Selfies von der Piste. Am Ende des Tages darf auch ich auf's Chinesen-Selfie.

Blake, unser Tourguide, führt uns – die Chinesen trauen sich nicht –  auf einem Lehrpfad durch die Natur des Mt. Tambourine. Er weiss genau, wo die Spinnen, allen voran die besonders giftige Trichternetz (auch Funnel-Web-Spinne), ihre Nester haben und erzählt dabei Schauergeschichten: "Diese Spinne ist die Trichternetzspinne. Ihr Biss kann bis zu 20 Menschen töten. Wir sind nur 17 Personen im Bus." Ich gucke genauer hin. Bewohner des Nestes sehe ich nicht, aber die sind auch nachtaktiv. Wahrscheinlich ist das Nest schon seit langem verlassen, aber es wirkt auch zu Demonstrationszwecken bedrohlich. Das einzig sympathische Tier ist ein Busch-Truthahn, der sich ein Eigenheim für sich und seine Frau baut. Der Weg führt zu einem Wasserfall und einer dunklen Lagune, kein Platz, der zum Schwimmen einlädt.

Der Mt. Tambourine hat auch eine touristische Stadtmitte mit vielen etwas plüschigen und nostalgischen Läden, deren schönster heißt „German Cuckoo Clock Nest“. Ja, genau das ist es, eine dichte Ansammlung von historischen deutschen Standuhren und natürlich Kuckucksuhren. Der Besitzer erinnert mich an einen erblondeten Andre Rieu. Und es gibt hier einen Winzer, der in kleinen Mengen einen preisgekrönten Wein anbaut. Die Kostprobe überzeugt.

Der Lamington National Park ist ein weiträumiges Naturschutzgebiert auf vulkanischem Boden, mit dichtem Regenwald, weiten Tälern, reichem Tierbestand und gut erschlossenen Wanderwegen. Das was ich davon sehen konnte, ist Australiens bekanntester Tree Top Canopy Walk. ein Spaziergang über Baumwipfeln. Ähnliches habe ich jüngst in Südafrika gemacht und vor Jahren in Malaysia. Den schönsten Weg dieser Art soll es in Costa Rica geben. Sechzig Baumarten gibt es hier. Bricht einmal ein Baum zusammen, wächst ein neuer schnell über ihm, auch andere Gewächse wollen ans Sonnenlicht, die besten Chancen haben Kletterpflanzen. Wer es nach oben geschafft hat, hat gewonnen. Der Weg in 19,5 Metern Höhe schwankt nur wenig, er ist stabil und gut in Stahltrossen eingespannt, also eher ein familienfreundliches Abenteuer. Für eine Erweiterung des Weges werden noch Sponsoren gesucht. An einem besonders kräftigen Baum sind Beobachtungsdecks in 25 und ist 30 Metern Höhe angebracht, auf die man über Feuerleitern hochsteigen kann. Diesen einmaligen Spaß lasse ich mir nicht nehmen. Oben angelangt, schnaufe ich tief durch, drehe mich auf engstem Raum dreimal um die eigene Achse und lasse ein Foto von mir machen, leider ein etwas schattiges Porträt, zur Dokumentation soll es genügen.

Nicht zu vergessen: auf der Tour gibt es einen Morning Tea mit feinem Gebäck in einer romantischen Location, die sonst für Hochzeiten vorgesehen ist, und ein Mittagessen unter Campern am Rande eines kleinen Flusses mit Bademöglichkeit.

Einen Nachweis allerdings bleibe ich schuldig. Am Rande des Lamington Parks liegt das originale RTL-Dschungelcamp, sehr versteckt und schwer erreichbar. Was ich bisher an Regenwald wahrgenommen habe, läßt durchaus auf solche Ortslage schließen, nur gibt es hier statt Studiolicht nur Sonnenlicht. Ein Indiz ist, dass das Super-Luxus-Kitsch-Hotel Palazzo Versace, in dem die sogenannten Stars absteigen, am Rande von Surfers Paradise liegt. Gerade lese ich im Gold Coast Bulletin, dass Tony Fung, ein Hotel-Tycoon aus Hong Kong, für 2017 den Baubeginn eines Sechs-Sterne-Hotels angekündigt hat (Bausumme: 440 Mio. australische Dollar).

Ansonsten verlasse ich den Ort Surfers Paradise nicht ungern, zu viel Fast Food, zu viel Oberfläche. Abends gibt es noch einen Beach Front Markt mit allerhand bunten Buden mit viel Schnickschnack von Alternativkosmetik bis Base Cap-Besticken. Zum Abendessen genügt mir ein Passionsfruchtjoghurt und ein Ananas-Kokusnuss-Saft vom Lebensmittelmarkt an der Ecke.

Gold Coast
Queensland, Australien
Rainer Small

24. Tag

27. Dez.

Brunswick Heads / Gold Coast Surfers Paradise

Kleine Copa Cabana

Meine Unterkunft für eine kurze Nacht ist ein sehr bequemes Motel. Viele Möglichkeiten, überhaupt in Brunswick Heads unterzukommen, gibt es nicht, solange man keinen Caravan hat. Der Ort ist familien- und hundefreundlich. Meer gibt es nicht hier, dafür eine Wasserspielwiese zwischen Simpsons Creek und Brunswick River. Hunde dürfen aufs Paddelboot, die Jungen springen trotz Verbots von der Brücke ins Wasser, das Leben scheint unkompliziert und leicht, alle kennen sich untereinander. Die Weihnachtsferien dauern sechs Wochen bis Ende Januar. Da kann man es sich leisten, familiär entspannt zu sein. Wenn immer ich mich mit einem Wunsch an jemanden wende, werde ich mit "Hello, Darling" angesprochen. der Gegengruss kommt mir schwer über die Lippen, ich finde es liebenswert.

Doch ganz so locker wie der Vormittag begonnen hat, setzt sich der Tag nicht fort. Ich bin für den 12:15 Greyhound in Richtung Gold Coast eingebucht (Fahrtzeit etwa 90 Minuten). Nur es kommt kein Bus, auch in der nächsten Stunde nicht. Ich habe das Gefühl, ich bin bin Brunswick Heads vergessen worden. Alle gehen ihren nachweihnachtlichen Alltagsgeschäften nach, nur ich stehe mit meinem Weltreisegepäck am Straßenrand und warte auf einen Bus, der hier einfach nicht halten will. Aber die missliche Situation klärt sich bald. Die Bushaltestelle befindet sich vor dem örtlichen Besucherinfo und ich frage nach, was los ist. Erste Antwort: "Das ist ein Dilemma". Aber man versucht mit besten Kräften, mir zu helfen. Ich rufe meine Touragentin an, diese ruft ruft dann im Besucherzentrum zurück und während alle lösungsorientiert kommunizieren, steht auf einmal der große rote Bus an der Straße. Ich greife mein Gepäck, danke allen für ihre Bemühungen, tausche mich mit dem Fahrer aus und finde meinen Namen zuoberst auf seiner Liste, wohl weil ich woanders hätte einsteigen sollen, aber dort nicht erschienen bin. Ich werfe mein Gepäck in den Stauraum, erwische den vorletzten freien Platz, schnalle mich an (Pflicht!) und bin sehr erleichtert, dass es weiter geht. Verspätungen in dieser Größenordnung sind selten, erfahre ich später. Keine Ahnung, warum.

Am ersten Haltepunkt des Busses an der Servicestation Tweed Heads sehe ich, wie ein Dackel ausgeführt wird, sehr kurzhaarig, sehr schlank. Da ich bisher außerhalb von Zoos noch kein Känguruh gesehen habe, gelange ich zu der unernsten Einschätzung, dass es in Australien mehr Dackel als Kanguruhs gibt. Überhaupt scheint das Land sehr hundefreundlich. Außerdem notiere ich eine Zeitumstellungen zwischen New South Wales, wo ich herkomme, und Queensland mit der Hauptstadt Brisbane, wo ich hin fahre, von einer Stunde. Damit bin ich deutscher Zeit nur noch neun Stunden voraus. Angekommen an Gold Coast, Ortslage: Surfers Paradise (sorry, auch ich finde den Ortsnamen sehr reißerisch), fühle ich mich wie in Klein-Copa-Cabana: Superstrand mit Superhochhäusern, meist charakterlose Apartmentblocks. Ich bin bequem untergekommen in der 23. Etage des Novotel mit aufregendem Meerblick, über mir sind weitere acht Etagen mit noch mehr Meerblick. Der Strand ist wirklich sensationell, Die meisten Australier, sittsam, wie sie sind, halten Ihre Oberkörper bedeckt und schützen sich vor der Sonne. Auch nachts ist das Leben eher friedlich. Die Mischung von kulturellen und religiösen Ausdrucksformen ist tolerant wie überall. Bikinimädchen mit Strassdiamanten im Bauchnabel posieren zu Werbezwecken vor Kameras, eine Burkha-Frau mit Sehschlitz hütet ihren Sohn und ihre Kopftuchtochter, ihr Mann schaut aufs Meer.

Byron Bay
New South Wales, Australien
Rainer Small

23. Tag

26. Dez.

Port Macquarie / Byron Bay / Brunswick Heads

Am falschen Ort


400 Kilometer und siebeneinhalb Stunden lang ist die heutige Kurzstrecke mit dem Brisbane Express auf dem Pacific Highway. Ich warte an der Haltestelle in Port Macquarie und immer mehr Zulieferer bringen Backpacker aus den Hostels zum Bus. Während der Fahrt habe ich ausgiebig Zeit, die Landschaft im Osten Australiens an mir vorüberziehen zu lassen und frage mich, ob grenzenlose Freiheit in menschenleerer Gegend überhaupt sinnvoll und lebenswert ist. Zielort ist Byron Bay, der östlichste Punkt des Kontinents, ganz rechts auf der Australien-Landkarte. Haltepunkt des Busses: Jonson St. 34, vorgebuchtes Hotel: Jonson St. 120. Der Ort, einst ein Geheimtipp unter Alternativlern, ist heute einer der Top-Touristenorte in New South Wales. Voll ist es hier immer, aber am heutigen Zweiten Weihnachtstag, dem Boxing Day als Feiertag schlechthin, ist kaum ein Durchkommen. Ich schiebe meine Rollreisetasche durch eine bunte Mischung aus Strassenmusikanten, New Agern, Lebenskünstlern, Handwerkern, Berufshippies, Surfern, Buddhisten, Schwulen, Partygeilen und Verrückten in jeglicher Farbe. Soviel unterschiedliche Weltanschaung auf so engem Raum, eigentlich unvorstellbar. Am Hotel angekommen, erfahre ich, dass für mich kein Zimmer gebucht ist und das Hotel ohnehin rappelvoll ist. Ich gucke dumm aus der Wäsche. Dann lasse ich anrufen bei "Nature Trailz", die mir den Trip zusammengestellt haben, und erfahre, dass man versäumt hat, mir einen aktualisierten Reiseplan mit einem anderen Zielort durchzugeben. Vorgesehen bin ich für den Ort Brunswick Heads und dort für die Riverside Inn. Die sehr hilfsbereite und mitfühlende junge Frau an der Rezeption ruft mir den Hotelshuttle, der mich in 20 Minuten zu dem Ort bringt. Auch hier herrscht laute Feierlaune, von nebenan dröhnt die Luft bierschwanger.

Nachtrag zum Tages-Blog zur australischen Gesellschaft, so wie ich sie wahrnehme: Eine Nation, die sich aus unfreiwillig Eingewanderten und Gestrandeten sowie aus freiwillig Eingereisten zusammensetzt, kann es sich leisten, offen zu sein für alle ethnischen Einflüsse und Kulturen. Eine australische Identität nehme ich nirgends wahr. Das Thema der "Convict Nation", d.h. dass aus England in die Kolonien deportierte Häftlinge Gründungsväter von Nationen werden, beginnt, mich zu interessieren. Ich weiß lediglich, dass ohne eine solche Vorgeschichte aus der Insel Ceylon nie eine Nation im heutigen Sinne entstanden wäre. Jeder, der in die Kolonien gekommen ist, hat seine Fähigkeiten eingesetzt. Sträflinge konnten hier ihre erlernten Berufe wieder ausüben. Später dann sind diese "Convict Nations" allesamt unter dem Dach des Commonwealth untergekommmen.

Port Macquarie
New South Wales, Australien
Rainer Small

22. Tag

25. Dez.

Australien

Sydney / Port Macquarie

Ruhetag und Waschtag

Zum Mitschreiben: Port Macquarie heißt die Hafenstadt mit 41.000 Einwohnern, in der ich mich am 1. Weihnachtsfeiertag aufhalte. Sie ist die erste von drei Stationen auf dem Weg nach Brisbane und einer der populärsten Touristenorte an der Küste von New South Wales (NSW) an der Ostküste. Das gesamte Gebiet ist nach dem damaligen Gouverneur Lachlan Macquarie benannt und besitzt eine für Australien typische Geschichte. Gefangene wurden zum Hafenbau eingesetzt. Dafür mussten sie Zedern im Hinterland fällen. Später kamen Siedler. Über den Ort selbst vermag ich nichts zu sagen, das Leben ruht zu Weihnachten, und mein Reiseblog auch. Ich nutze die frühe Ankunft im Hotel, um mich unter einem schattenspendenden Dach am Pool zu entspannen und danach Wäsche zu waschen. Nach meiner Abreise aus Deutschland ist dies der erste Ort, der weder Weltstadt noch Metropole eines Landes, sondern überschaubar und beschaulich  ist.

City of Sydney
New South Wales, Australien